26.07.2010 · Vielfalt der Interpretation: Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert
Die Geschichte der Menschenrechte wird zumeist als eine Fortschrittsgeschichte vorgestellt, in der sich eine Idee, deren universellem Geltungsanspruch sich letztlich niemand entziehen kann, mit Notwendigkeit nach und nach weltweit durchsetzt. Man kann aber auch eine "die Teleologie, den Tunnelblick und den Triumphalismus, welche die aktuelle Historiographie der Menschenrechte so stark beeinflusst haben", radikal in Frage stellen und eine Geschichte der Menschenrechte schreiben, die diese als Gegenstand von Politik ausweist, "als einen seit 1945 internationalen, seit den siebziger Jahren dann globalen Leitbegriff, mit dem politische Ansprüche und Gegenansprüche formuliert werden konnten". Das ist der konzeptionelle Ansatz eines Sammelbandes zur Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert, der den bezeichnenden Titel "Moralpolitik" trägt. Eine solche Geschichte sieht anders aus: Die Menschenrechte sind danach durch die Krisen und Konflikte, in denen sie sich diskursiv geformt haben und sich real bewähren mussten, erst das geworden, was sie heute sind.
Die Beiträge behandeln überwiegend gut ausgewählte, nur selten randständige Kapitel einer als Konfliktgeschichte verstandenen Geschichte der Menschenrechte, die ungeachtet der Vielfalt der Themen doch stets den Fokus auf die geschichtliche Bedingtheit und Kontextabhängigkeit der Verständigung über Menschenrechte und ihrer Verwirklichung richten. So demonstriert Samuel Moyn, wie christlich geprägte, personalistische Konzepte der Menschenwürde die Bedeutung von Menschenrechten im verfassungsrechtlichen Kontext der Nachkriegszeit beeinflussten. An dem - in politischen und richterlichen Funktionen im Dienst der Durchsetzung der Menschenrechte stehenden und sich als Universalisten begreifenden - René Cassin macht Glenda Sluga deutlich, "wie beharrlich die Imperative der imperialen und nationalen Souveränität - und die Spannungen zwischen ihnen - die Internationalisierung der Menschenrechte geformt und eingeschränkt haben". Rudolf Launs Einsatz für ein Recht auf die angestammte Heimat dient Lora Wildenthal als Beispiel dafür, dass die Sprache der Menschenrechte sowohl dem Ziel universeller Gerechtigkeit als auch einem politischen Zweck dient: "Beide sind notwendige Aspekte der Rhetorik der Menschenrechte - und beide sind notwendigerweise umstritten." Die Haltung der Sowjetunion zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 erhellt die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Interpretation der Menschenrechte, "die sich hinter der allgemeinen Sprache des Dokuments verbergen". Ein Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Europäischen Menschenrechtskonvention und die anfängliche Spruchpraxis der Konventionsorgane zeigt, dass die Konvention zunächst eher ein Instrument der legal diplomacy war und der Kampf um die europäischen Menschenrechte "eine zentrale, aber oft übersehene Komponente des Kalten Krieges" darstellt.
"Die Geschichte der Menschenrechte als historisch spezifische Idee umzuschreiben heißt nicht, deren Relevanz in Frage zu stellen, sondern anzuerkennen, wie wichtig es ist, weiterhin konkreter nachzufragen, was dieser Begriff bedeutet hat, was er bedeuten könnte - und für wen." Über alle geschichtlichen Bedingtheiten, Brüche und Unvollkommenheiten hinweg bleiben die Menschenrechte dabei "als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal" selbst eine stetig auf ihre vollständige Verwirklichung drängende, geschichtsmächtige Wirkkraft.
CHRISTIAN HILLGRUBER
Stefan-Ludwig Hoffmann (Herausgeber): Moralpolitik. Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 437 S., 29,90 [Euro].