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03.04.2007 ·  411 Dokumente zur Südtirol-Politik im Jahr 1960

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In und um Südtirol hat es in den späten fünfziger und sechziger Jahren heftige Kontroversen gegeben, weil Italien die im Jahr 1946 Österreich vertraglich zugesagte Autonomie nur partiell realisierte. Außerdem sahen sich die Südtiroler erneut einer Italianisierung ausgesetzt, die durchaus an jene unter dem Faschismus erinnerte. Die Zwistigkeiten sind weithin vergessen, denn Italien lenkte nach einer Zuspitzung um 1960/61 ein und gewährte 1972 eine erweiterte Autonomie, die mit der Zeit vorbildlich für andere Fälle von Minderheiten geworden ist. Die italienische Staatsräson, die gerade wegen der 1919 erreichten Brennergrenze nationalistisch verformt worden war, wurde im Sinne des entstehenden Europa gemildert. Dafür mussten die Südtiroler freilich auf die Selbstbestimmung verzichten. In Österreich wirkten Julius Raab und Bruno Kreisky, in Italien Aldo Moro und Giulio Andreotti auf den Kompromiss hin, in Südtirol selbst tat das Landeshauptmann Silvius Magnago. Dessen Nachfolger Luis Durnwalder unterstützt aus den inzwischen reichen Mitteln seines Landes eine siebenbändige Dokumentation der damaligen Auseinandersetzungen, die der seit über zwei Jahrzehnten für die Südtiroler Zeitgeschichte engagierte Innsbrucker Historiker Rolf Steininger herausgibt.

Nun liegt der zweite Band vor, dessen 411 Dokumente sämtlich aus dem Jahr 1960 stammen. Österreich brachte damals, obwohl die westlichen Großmächte mit Rücksicht auf das verbündete Italien dringend abrieten, das Südtirol-Problem vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen und erreichte eine Resolution, welche die beiden streitenden Staaten zu weiteren Verhandlungen auf der Grundlage von 1946 und im Sinne der UN-Charta aufforderte. Dem konnte Italien sich nicht entziehen. Das Problem war internationalisiert; und Österreich erhielt die Möglichkeit, erneut die UN anzurufen. Von deren Mitgliedern hatten vor allem neutrale und kleine Staaten Österreich unterstützt. Vollständig abgedruckt werden die Korrespondenzen zwischen Wien und Rom, die Protokolle der Südtirol-Besprechungen österreichischer Politiker in Wien und Innsbruck sowie der Sitzungen der Gremien der Südtiroler Volkspartei und der internen Besprechungen der österreichischen UN-Delegation, dazu viele mehr kommentierende diplomatische Berichte und Briefe von Akteuren auf allen beteiligten Ebenen. Die politische Situation in Österreich, Italien und zwischen den Staaten Westeuropas wird vielfach beleuchtet, aber zwischen Wichtigem und Unwichtigem nicht unterschieden. Die Quellen deutscher Provenienz zeigen, warum die Bundesregierung sich ganz zurückhielt. Sie wollte nicht des "Pangermanismus" beschuldigt werden und brauchte für ihre Deutschland- und Berlin-Politik die Unterstützung der europäischen Verbündeten, also auch Italiens. Die deutsche Presse dagegen, so auch diese Zeitung, bekundete Solidarität mit den Südtirolern, deren Situation noch nicht als ein nur österreichisches Thema gesehen wurde.

RUDOLF LILL

Rolf Steininger (Herausgeber): Akten zur Südtirol-Politik 1959-1969. Band 2: 1960 Vor der UNO. Studien-Verlag, Innsbruck 2006. 864 S., 79,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2007, Nr. 79 / Seite 7
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