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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Unerwartete Freiheit

 ·  Himmlers prominente "Ehrenhäftlinge" waren bei Kriegsende in Südtirol

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Hans-Günter Richardi: SS-Geiseln in der Alpenfestung. Die Verschleppung prominenter KZ-Häftlinge aus Deutschland nach Südtirol. Edition Raetia, Bozen 2005. 312 Seiten, 22,50 [Euro].

Es war eine buntgemischte Gesellschaft, die sich da im Mai 1945 in den Fluren des ungeheizten Sommerhotels "Pragser Wildsee" drängte. Der Prinz von Hessen und der französische Sozialist Léon Blum, das halbe ungarische Kabinett und der Bischof von Clermont-Ferrand, dann Pastor Niemöller, zwei englische Geheimagenten, der ehemalige österreichische Bundeskanzler Schuschnigg und noch viele mehr. Für sie alle war das gastliche Haus hier auf 1500 Meter Höhe über dem Pustertal in Südtirol das Ende einer langen und entbehrungsreichen Odyssee, die sie durch die verschiedensten KZ geführt hatte. Sie alle waren Sippenhäftlinge oder Geiseln des "Dritten Reiches" gewesen, das jetzt zu Ende ging.

Hans-Günter Richardi beschreibt ihren Weg von der Verhaftung an. Er skizziert ihre Charaktere, läßt auch jene "Kalfakter" und "Hauserl" nicht aus, die als Hilfskräfte eingeteilt waren und gelegentlich sogar Möglichkeiten der Flucht ungenutzt ließen, um bei ihren Schützlingen zu bleiben. Von Berlin geht es über Sachsenhausen oder Ravensbrück nach Flossenbürg bei Hof, und von da - oft in drangvoller Enge und großer Kälte - über Dachau weiter nach Tirol. Richardi zitiert ausgiebig aus den Erinnerungen der Beteiligten, darunter mehrere Angehörige der Familie Stauffenberg. Überzeugend legt er dar, wie die SS mit ihren Gefangenen immer wieder vor den vorrückenden Amerikanern flieht und sie schließlich in jene "Alpenfestung" verschleppt, die doch nur in der Phantasie weniger existiert. Was Himmler mit seinen "Ehrenhäftlingen" wirklich vorhatte, welche Visionen für einen von ihm eingefädelten Waffenstillstand er gehabt haben mag, das bleibt dunkel. Deutlich aber wird, wie diese Ungewißheit auch zu einer Unsicherheit der Wachmannschaften führt. Hatten sie wirklich Weisung, die Häftlinge notfalls durch Ermordung dem Zugriff der Alliierten zu entziehen? Am Ende gelingt es mit beherztem Eingreifen dem Heer, auf eine Initiative des Generals Hans Röttiger (später erster Inspekteur des Heeres der Bundeswehr), die SS zu entmachten und die Geiseln in Obhut zu nehmen - auch ein Kapitel in der langen Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Heer und SS.

Der Band ist als Begleitbuch zu einer Ausstellung der Gemeinde Niederdorf im Pustertal in Südtirol entstanden. Er beschränkt sich keineswegs auf lokalgeschichtliche Perspektiven, wenn er auch in einigen seiner vielen gelungenen Bilder die atemberaubende Schönheit jener Region erahnen läßt, in der gut 100 Menschen unerwartet ihre Freiheit wiedergewannen.

WINFRIED HEINEMANN

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2005, Nr. 243 / Seite 8
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