Ein kleiner, fünfjähriger Junge versucht, unter einem Gettozaun durchzukriechen, einen Laib Brot im Arm. Bevor er es auf die andere Seite geschafft hat, schlagen seine Verfolger ihn zu einem roten Klumpen. Roman Polanski hat diese Kindheitserinnerung in einem seiner Filme verarbeitet. Sie zeigt nicht nur die unglaubliche Brutalität gegenüber Kindern, sie zeigt auch, welche Rollen sie im Krieg übernehmen mussten. Aufgrund ihrer Größe und Wendigkeit wurden sie häufig zur "Essensbeschaffung" eingesetzt, Jugendliche reüssierten schon früh auf dem Schwarzmarkt. Ein polnisch-jüdischer Junge beschrieb 1944 seine Überlebensstrategie: "Ich möchte klauen, ich möchte essen, ich möchte ein Deutscher sein."
Über Kinderschicksale im Krieg zu arbeiten ist nicht nur eine deprimierende, sondern auch eine methodisch schwierige Aufgabe. Wie kann man den Millionen von unterschiedlichen Kindheiten im Dritten Reich gerecht werden? Welche Welten liegen zwischen einem Kind, das relativ gut genährt auf dem sicheren Land aufwuchs, und einem Stadtkind, das während wochenlanger Bombardierungen im wahrsten Sinne des Wortes zum Kellerkind wurde? Was, außer dem Alter, hat ein Granaten werfender Junge im Berlin von 1945 mit einem vergewaltigten Mädchen im ehemaligen Donauschwaben gemeinsam? Wann beginnt, wann endet überhaupt Kindheit?
Ein Weg, Kindheiten methodisch in den Griff zu bekommen, führt über Einzelstudien, die den - bei aller postulierten Volksgemeinschaft - starken gesellschaftlichen, regionalen, wirtschaftlichen und geschlechtsspezifischen Unterschieden der Kinder im "Dritten Reich" gerecht werden. Darüber hinaus ist es wichtig, interdisziplinär mit Methoden der Psychotherapie zu arbeiten. Ganze Generationen von bundesdeutschen Schulkindern sind mit dem Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" aufgewachsen. Es bestätigte Anna Freuds Forschungen über Holocaust-Kinder, die häufig Verlusterfahrungen von Personen auf Gegenstände übertrugen. Auch die neuere Emotionsforschung kann helfen, Wege zu eröffnen, Kindheitserfahrungen methodisch besser zu erfassen. Margarete Dörr hat eine andere Herangehensweise gewählt. Ihr zweibändiges Werk basiert auf Tagebüchern, Briefen und auf der Auswertung von über 500 Fragebögen für die Jahrgänge ab 1928. Sie will keine "neue deutsche Opfergruppe" kreieren, sondern die letzte Chance nutzen, die Erlebnisgeneration noch einmal zu Wort kommen zu lassen. Das Ergebnis ist demzufolge nicht analytisch, sondern anekdotisch ausgefallen, auch wenn Dörr versucht, Kriegserfahrungen in 22 Themenschwerpunkte zu untergliedern (die hierbei interessantesten Kapitel befassen sich mit der Kinderlandverschickung, dem Bombenkrieg und der Flucht).
Der Titel "Der Krieg hat uns geprägt" zeigt bereits, dass Frau Dörr sich auf den Blick der alt gewordenen Kinder konzentriert. Dieses Vorgehen wirft unter anderem die alte Frage auf, wie zuverlässig solche Erinnerungen nach sechzig Jahren und unzähligen Verarbeitungsversuchen überhaupt noch sind. Die Autorin ist sich der Gefahr von reflexiven Rekonstruktionen bewusst und weist immer wieder darauf hin, dass das Familiengedächtnis dazu neigt, die eigenen Eltern zu idealisieren und als Opfer zu sehen. Doch die Autorin versucht nicht, ihre einseitige Quellenlage durch den naheliegenden zweiten Schritt, den Blick von außen her, zu ergänzen. Kinder leben ja nicht in einem Vakuum, sie waren besonders im "Dritten Reich" abhängig von einer Umgebung, die sie kontrollierte und formte. Kindheiten zu untersuchen bedeutet daher auch immer, sie in den gesellschaftlichen Kontext zu setzen, das heißt in diesem Fall: eine Auswertung von Gerichtsakten, Akten staatlicher und kommunaler Ämter und nationalsozialistischer Organisationen wie der Hitlerjugend, des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und der Deutschen Arbeitsfront. Diesen Weg sind Frau Dörrs Konkurrenten in der Kriegskinderforschung gegangen.
Nicholas Stargardt hat jüngst in "Maikäfer flieg" sowohl Egodokumente benutzt als auch staatliche Archive durchforstet. Hierdurch konnte er unter anderem mit dem Vorurteil aufräumen, unzählige Kinder hätten ihre Eltern denunziert; tatsächlich waren die Fälle gering. Stargardts Methode ist jedoch nicht nur die eines Historikers, sondern auch die des Psychologen. Mit einer ähnlichen Methodenvielfalt hat Orlando Figes in "The Whisperers" kürzlich das Schicksal russischer Kriegskinder untersucht. Seine Arbeiten zeigen, wie wichtig es ist, die ganze Familie in den Blick zu nehmen, um zu verstehen, wie Kinder trotz staatlicher Repressalien und Kriegschaos in der Sowjetunion überleben konnten. Hier waren es vor allem die Großeltern, die versuchten, Millionen von Waisen und Halbwaisen die Eltern zu ersetzen. Figes' Studie zufolge siegte das Prinzip Familie: Angehörige nahmen enorme Entbehrungen auf sich, um einander wiederzufinden und zu retten.
Auch im "Dritten Reich" bedeutete Krieg Chaos, Hunger, gebrochene Lebensläufe und Entfremdungen. Krieg wurde, wie auch Frau Dörr zeigt, zur Normalität für Kinder, die keine Vorkriegszeit gekannt hatten und häufig sehr viel pragmatischer reagierten als ihre traumatisierten Eltern. Für sie waren die "Christbäume" am Himmel schrecklich und schön zugleich. In Kinderbildern dominieren liebevoll abgemalte Panzer und Explosionen von bunten Farben. Krieg ähnelte - zumindest bis 1941 - für viele dem Besuch eines aufregenden Abenteuerspielplatzes. Gemeinsam ist Frau Dörr und ihren englischen Kollegen, dass sie bei aller Sachlichkeit immer wieder an dem Berichteten verzweifeln. Im Getto spielten Vierjährige statt "Räuber und Gendarm" SS-Durchsuchung. Die ersten Worte eines im Krieg geborenen Kindes waren: "Schnell, Mantel, Keller." Frau Dörr zitiert ein kleines Mädchen, das nach der Bombardierung trocken feststellte: "Mama, jetzt bin ich tot." Tatsächlich kann man nur schätzen, wie viele "arische" Kinder im Zweiten Weltkrieg, trotz aller verlogenen nationalsozialistischen Familienpolitik, umkamen. Je kleiner sie waren, umso geringer ihre Überlebenschancen. Die "Blechtrommel" von Günter Grass ist demnach fern von jeder Realität. Oskar Matzerath überlebte die Schrecken des Zweiten Weltkrieges nicht weil er, sondern obwohl er sich als Kind ausgab.
KARINA URBACH
Margarete Dörr: "Der Krieg hat uns geprägt". Wie Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebten. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008. Zwei Bände, zusammen 1091 S., 49,90 [Euro].