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Tatendrang

15.02.2010 ·  Sophie Scholls Umfeld

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Sie ist die Ikone in der Geschichte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus: seit dem Untergang des "Dritten Reiches" Identifikationsfigur für viele Nachgeborene und für manche ihrer Zeitgenossen. Immer wieder erscheinen Biographien über die Studentin. Bisher ist Sophie Scholls kurzes Leben - geboren am 9. Mai 1921 in Forchtenberg, hingerichtet am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim gemeinsam mit ihrem Bruder Hans - noch nie auf einer so umfassenden Quellenbasis geschildert worden wie jetzt von Barbara Beuys, die mit Büchern über Hildegard von Bingen, Annette von Droste-Hülshoff und Paula Modersohn-Becker hervorgetreten ist. Die Journalistin hat sich in ihre Heldin eingefühlt, ihr Denken und Tun bis in einzelne Tage hinein rekonstruiert - hin und wieder in einer Breite (durch Brief- und Tagebuchzitate), die dem Leser viel Geduld abverlangt, weil er vielleicht das ein oder andere aus den Beziehungsgeflechten gar nicht so genau wissen will.

Frau Beuys stützt sich auf die seit 2005 im Institut für Zeitgeschichte zugängliche Dokumentensammlung von Inge Aicher-Scholl (1917-1998), der älteren Schwester von Hans und Sophie. Auf die lebende Sophie war Inge oft eifersüchtig gewesen, während sie nach 1945 mit Leidenschaft das Andenken an die toten Geschwister wachhielt. Die Ulmer Jahre der Scholls seien - so ein Ergebnis - "nicht nur länger, sondern in mancher, oft bedeutender Hinsicht anders" gewesen als in Inge Scholls Bestseller "Die Weiße Rose" (1952) dargestellt. Das Umfeld und die anfänglichen Erwartungen der jungen Scholls an das "Dritte Reich" werden prägnant beschrieben - während die Eltern sofort auf Distanz gingen und der Vater später für einige Monate ins Gefängnis musste. Sophies lange Suche nach dem "schrecklich fernen Gott" und ihr allmählicher Weg in den Widerstand lassen sich eindringlich nachvollziehen: "Auch Sophie Scholl wird gebeutelt vom uralten Dualismus zwischen Geist und Fleisch, Leib und Seele, Verstand und Herz." Seit Juni 1942 habe sich bei ihr der "Drang zur Tat gefestigt und gestärkt". Mit der Flugblattaktion vom 18. Februar 1943 in der Münchener Universität, die zur Verhaftung und Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl führte, hätten die Geschwister aber "kein öffentliches Fanal provozieren" wollen.

RAINER BLASIUS

Barbara Beuys: Sophie Scholl. Biografie. Carl Hanser Verlag, München 2010. 493 S., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2010, Nr. 38 / Seite 6
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