30.11.2009 · Frauen in der nationalsozialistischen Gemeinschaft
Nachdem die ältere Zeitgeschichtsforschung die Hälfte der Reichsbevölkerung lange ignoriert hatte, kreierte die feministische Forschung in den siebziger Jahren das Bild einer veritablen Hölle, in der Frauen als Geburtsmaschinen dienten und von patriarchalischen Machos drangsaliert wurden. Erst allmählich entdeckte die Forschung über den Nationalsozialismus Frauen, die weder Opfer waren noch Widerstand leisteten, sondern mitmachten, profitierten oder gar selbst folterten und mordeten. Der von Marita Krauss herausgegebene Band bietet Beiträge zu Mitläuferinnen und Täterinnen - gegliedert in vier Abschnitte, die eine Steigerung des jeweiligen Engagements abbilden.
Zunächst geht es um deutsche Frauen, die ihren "erbgesunden" Nachwuchs mit extremer Härte zu Mitgliedern der Volksgemeinschaft formen sollten - angeleitet von massenhaft aufgelegten Erziehungsratgebern von Johanna Haarer und von indoktrinierten Hebammen. Des Weiteren findet sich hier ein Artikel, der thematisiert, inwieweit Ehefrauen von SS-Offizieren die Taten ihrer Männer unterstützten. Es folgt die "organisierte Frau" mit Beiträgen zu jungen Frauen, die im besetzten Polen als Angehörige des BDM und der NS-Frauenschaft umgesiedelte "volksdeutsche" Familien unterstützen sollten. Ein Aufsatz widmet sich den wenigen Frauen, die eine steile Karriere machten - wie die "Reichsfrauenführerin" Gertrud Scholtz-Klink. Ist hier schon tatkräftiges Mitwirken zu attestieren, so gilt dies erst recht für die Beiträge zu Denunziantinnen, weiblichen Angestellten der Gestapo sowie KZ-Aufseherinnen. Schließlich kommen die Täterinnen vor Gerichten im Nachkriegsdeutschland und in Österreich in den Blick, wobei das geringe Strafmaß auffällt - was in der Mehrzahl der Fälle damit zu erklären ist, dass man Frauen eine aktive, gewalttätige Rolle aufgrund des vorherrschenden Frauenbildes gar nicht zutraute und sie sich zudem geschickt als "Statistinnen" und Befehlsempfängerinnen inszenierten.
Was lässt sich als Quintessenz aus diesen heterogenen Beiträgen ziehen? Dass Pauschalurteile unterbleiben müssen, was nicht zuletzt am äußerst diffizilen Quellenproblem liegt. Stellen Zeitzeugeninterviews ohnehin hohe methodische Ansprüche an Historiker, so stehen sie hier vor einem besonders dichten Geflecht von Verdrängung, Ausblendung und Ausflüchten der beteiligten Frauen. Reue oder gar Schuldbekenntnisse sucht man vergebens. Erschwerend kommt hinzu, dass sich ohnehin nur wenige, mittlerweile hochbetagte Frauen überhaupt für Gespräche gewinnen ließen. Zudem sind ihre Erinnerungen höchst selektiv. So stellen etwa die ehemaligen BDM-Führerinnen oder die Aufseherinnen in Ravensbrück immer wieder die "hervorragende Gemeinschaft" in den Vordergrund. Stereotyp werden das eigene Organisationstalent und Leistungsbereitschaft betont. Die Mehrzahl der involvierten Frauen war sehr jung, kam aus der Mittelschicht, hatte keine besonders gute Ausbildung; das "Dritte Reich" bot ihnen berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, Bewährungschancen und Bestätigung, oft weit entfernt von zu Hause und von der gewohnten sozialen Kontrolle. Da die Zeitzeuginnen ihre Taten weitgehend ausblenden oder herabspielen, versuchen die Autoren, sogenannte "Leerstellen" der Interviews mit Sinn zu füllen und zu interpretieren - was sich naturgemäß als komplizierte, ja problematische Gratwanderung erweist.
Nun könnte man ja die massenhafte (Mit-)Täterschaft der Frauen anhand überlieferter Dokumente nachweisen, doch auch hier liefern die Aufsätze wenig Konkretes. So hätte man etwa in dem Aufsatz zu den Hebammen gerne erfahren, wie oft sie die Geburt behinderter Kinder anzeigten. Und wurde durch den Erziehungsauftrag der Hebamme jede Interaktion mit ihrer Klientel zu einer herrschaftsbezogenen Handlung? Ließen sich gestandene Mütter im Warthegau von jungen BDMs Erziehungsratschläge geben? Die Behauptung, dass weibliche Gestapo-Angestellte die Überlegenheit gegenüber ihren Opfern genossen, mag durchaus zutreffen, belegt wird sie nicht. Ferner wird die These, dass Frauen wie Männer massenhaft am Vernichtungskrieg in der Sowjetunion beteiligt waren, nicht durch Zahlen erhärtet. Häufig werden aus einzelnen Beispielen allgemeine Schlussfolgerungen gezogen. Überhaupt wird in den einzelnen Beiträgen deutlich, dass die Frauen aufgrund des vorherrschenden Frauenbildes und der Stellenpolitik bis zu den höchsten Stufen der Macht nicht vordringen und deshalb nur partiell aktiv Gewalt ausüben konnten. Dennoch sind die gebotenen Einblicke eindrücklich genug: Viele mitmachende Frauen zeigten keine Empathie für die Opfer und agierten im Sinne der rassischen Volksgemeinschaft. Und es gab sogar Frauen, die ihre Männer und Geliebten denunzierten, obwohl sie wussten, dass der Verrat Todesurteile nach sich ziehen konnte.
GABRIELE B. CLEMENS
Marita Krauss (Herausgeberin): Sie waren dabei. Mitläuferinnen, Nutznießerinnen, Täterinnen im Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 262 S., 20,- [Euro].