29.03.2010 · Briefe von Theodor Heuss aus den Jahren 1892 bis 1917
Seit Gründung der Bundesrepublik stand Theodor Heuss im Schatten Konrad Adenauers. Es dauerte daher lange, bis sich die Forschung dem ersten Bundespräsidenten näher zuwandte. Die Voraussetzung dafür schuf die Edition seines umfangreichen Briefwerkes. Nach den Bänden über die Jahre 1918 bis 1949 bestätigen die 228 mustergültig edierten Briefe aus dem Kaiserreich den Eindruck, dass sich Heuss seit seiner 1892 beginnenden Gymnasialzeit als Schöngeist verstand. Die Korrespondenz offenbart seine Leidenschaft für Literatur und schöne Künste. Dass er seine berufliche Zukunft gleichwohl nicht - wie zunächst erträumt - als Professor für Kunstgeschichte sah, hing mit seiner zweiten Passion zusammen: der Politik. Nachdem er 1902 das Philologie- und Nationalökonomiestudium aufgenommen hatte, häuften sich die Besuche von Parteiveranstaltungen. Wegweisend wurde eine Begegnung mit Friedrich Naumann, dessen Nationalsozialem Verein er beitrat. Der eine Generation ältere Liberale erscheint fortan als sein Mentor und Förderer. Neben der Korrespondenz mit Elly Knapp, seiner heftig umworbenen späteren Ehefrau, nimmt der Gedankenaustausch mit Naumann in dem Band den größten Raum ein. Dieser war es auch, der ihm nach der Promotion 1905 die Tür zur journalistischen Karriere öffnete - zunächst als Feuilletonchef der Zeitschrift "Die Hilfe", seit 1912 als Chefredakteur der Heilbronner "Neckar-Zeitung".
Die vor 1914 verfassten Briefe sagen viel aus über sein Familienleben, seinen Berufsalltag und seine politischen Ansichten. Seit der Juli-Krise drehte sich dann auch bei Heuss fast alles um den Großen Krieg. Nach der Schlacht von Tannenberg rechnete er nicht nur mit einem Sieg über die russischen "Kulturzerstörer", vielmehr zeigte er sich auch mit Blick auf die Westfront zuversichtlich: "Wenn es so weitergeht, ist Deutschland noch vor dem kalten Winter über ganz Frankreich hinwegmarschiert." Begeistert widmete er sich der "wunderbaren Aufgabe, von den Waffentaten des Heeres zu berichten". Der "Heldentod" vieler Freunde sorgte jedoch rasch für Ernüchterung. Die Erfahrung der Pressezensur tat ein Übriges. Den Höhepunkt erreichte seine Skepsis gegenüber der "diktatorischen Form von Militarismus" nach Bekanntwerden der sogenannten Judenstatistik des Kriegsministeriums, die er in einem Artikel scharf verurteilte. Seine Überzeugung, dass es nach dem Krieg zu einer innenpolitischen Neuordnung kommen werde, ließ den sich in der Provinz unterfordert fühlenden Nachwuchspolitiker ("Mirabeau in der Lüneburger Heide!") 1917 den Entschluss fassen, nach Berlin zu gehen und zum Sprung in die "große Politik" anzusetzen.
MANFRED NEBELIN
Theodor Heuss: Aufbruch im Kaiserreich. Briefe 1892-1917. Stuttgarter Ausgabe. Herausgegeben von der Stiftung Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus. Bearbeitet von Frieder Günther. K.G. Saur Verlag, München 2009. 622 S., 39,95 [Euro].