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So viel Leid

10.12.2009 ·  Von Wien über Oslo nach Auschwitz: Ruth Maiers ergreifende Tagebücher

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"Ich schreibe nicht Tagebuch, um ,Reflexionen' niederzuschreiben. Ich schreibe, um Gefühle auszulösen, die mich sonst ersticken würden." Das notiert Ruth Werner Anfang April 1941. Seit drei Jahren lebte sie schon in Norwegen, und ihre Zukunftsaussichten verdüsterten sich von Tag zu Tag. Die 1920 in Wien geborene Ruth Werner entstammte einer gutsituierten jüdischen Familie; ihr schon früh verstorbener Vater war führender Gewerkschafter in Österreich und in der internationalen Postgewerkschaft, seine vielen Kontakte gerade in das sozialdemokratisch gefärbte Norwegen waren für die Tochter 1939 eine lebensrettende Chance, in der Fremde eine Bleibe zu finden. Für die in Österreich lebenden Juden änderte sich das Leben nach dem "Anschluss" an Deutschland im März 1938 geradezu schlagartig. Über Nacht wurden sie zu Parias, zu entwürdigenden öffentlichen Arbeiten gezwungen und oftmals ihrer Habe beraubt. Die Familie Werner konnte um die Jahreswende 1938/39 Österreich verlassen; Mutter, Schwester und Großmutter flüchteten nach England, Ruth nach Norwegen, eine Wahl, die sie später bitter bereute.

Fast über all die Jahre hat sie ein Tagebuch geführt, beginnend 1933 bis zum Herbst 1942. Bei einer befreundeten Norwegerin, der später als Dichterin bekannt gewordenen Gunvor Hofmo, sowie bei ihrer Schwester waren die meisten Kladden aufbewahrt, heute im Holocaust-Museum und -Studienzentrum in Oslo. Es ist die Chronik eines in der Tat unbekümmert in den Tag lebenden Backfischs zu einer durch die Ereignisse fast unmittelbar erwachsen gewordenen jungen Frau. Die sorglosen Wiener Jahre 1933 bis 1937 werden abrupt abgelöst von den brutalen Ereignissen 1938: "Freitag, 11. November 1938. Gestern war der schrecklichste Tag, den ich je erlebt habe. Ich weiß jetzt, was Pogrome sind, weiß, was Menschen tun können. Menschen, die Ebenbilder Gottes."

In Norwegen fühlte sie sich zunächst geborgen. Aber spätestens nach der deutschen Besetzung Norwegens im April 1940 spürte sie, dass sie festsaß, nicht mehr herauskam, weder nach England noch - wie sehnlichst erhofft - in die Vereinigten Staaten. Alle Versuche, beruflich Fuß zu fassen, schlugen fehl. Bei Gelegenheitsarbeiten lernte sie Gleichaltrige und Gleichgesinnte kennen, die ihr Stütze und Halt waren. Sie kämpfte mit Depressionen, die 1941 zu einem Nervenzusammenbruch führten: "Ich bin oft verzweifelt. Das Leben steht dann vor mir wie ein unheimliches Ungeheuer, gegen das sich zu wehren lächerlich ist." Und immer wieder Anklagen gegen die deutschen Kriegstreiber und ihre norwegischen Mitläufer: "Mein Gott, wie sie sich an uns verbrochen haben. Alles, alles, jeden winzigen Glauben zertreten haben, bis es kalt und öde wurde in uns. Kein Ideal haben sie uns gelassen. Mit 21 Jahren haben wir alle resigniert." Aber was man bei anderen Verfolgten kennt, zeigt sich auch hier: das psychische Elend zwang zu gedanklicher Rigorosität: Ruth begann künstlerisch zu arbeiten, schrieb kleine Geschichten und anrührende Gedichte. Das Buch spiegelt deutlich diese Entwicklung.

Anfang 1942 registrierte die Polizei alle in Norwegen lebenden Juden. Ruth ahnte nicht, was kommen sollte. Noch einen schönen Sommer verlebte sie mit Freundinnen, im Herbst bezog sie ein Zimmer in Oslo. Im Oktober 1942 wurden alle männlichen Juden in der Stadt, am 26. November alle Frauen und Kinder verhaftet und über Stettin weiter nach Auschwitz gebracht. Die meisten Männer wurden zur Arbeit abkommandiert, Frauen und Kinder unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet. Das letzte Zeugnis der gerade 22 Jahre alt gewordenen Ruth ist ein aus dem Schiff herausgeschmuggelter Kassiber an Gunvor Hofmo: "Ich glaube, dass es gut so ist, wie es gekommen ist. Warum sollen wir nicht leiden, wenn so viel Leid ist? Sorg Dich nicht um mich. Ich möchte vielleicht nicht mit Dir tauschen."

Warum, so mag man fragen, noch ein weiteres Zeugnis angesichts schon so vieler Aufzeichnungen, Tagebücher und Erinnerungen aus dieser Zeit? Eine schlüssige Antwort gibt es wahrscheinlich nicht, wohl nur, dass die Überlebenden nach wie vor - und immer wieder - vor der Aufgabe stehen, die Vergangenheit auch mit ihren Schrecken und Verbrechen in die Gegenwart miteinzubeziehen, hier den so alltäglichen und doch beispielhaften Lebensweg einer jungen Frau, die auf eine hoffnungsvolle Zukunft blicken konnte, die sich völlig verflüchtigte. Ein Schicksal wie viele, und doch ein ganz singuläres.

DIRK KLOSE

Ruth Maier: "Das Leben könnte gut sein". Tagebücher 1933 bis 1942. Herausgegeben von Jan Erik Vold. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 544 S., 24,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2009, Nr. 287 / Seite 10
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