26.10.2006 · Gerhard Schröder stellt in der Berliner SPD-Zentrale seine Memoiren vor und inszeniert sich wieder als der, der er immer war: der Medienkanzler, der Meister des Rampenlichts. Mit Audio-Datei.
Von Andreas Kilb, BerlinErinnerungen aufschreiben, die Schwebeteilchen im Kopf zueinanderbringen und zu Bildern fügen. Was war wichtig? War all das wichtig, woran Erinnerung bleibt? Oder gibt es schwarze Löcher, die mit Macht schlucken, was nicht erinnert werden will?“
Es ist nicht der Ich-Erzähler eines neuen Romans von Günter Grass, der da spricht, sondern Gerhard Schröder, der seit einem Jahr nicht mehr Kanzler dieses Landes ist. Seit einem Jahr! Und schon jetzt die Memoiren, die Erinnerungen; und dieser Ton, dieses sprachliche Bouquet, ein achtundsechziger Chateaubriand von jenseits des Grabens der Spree. Auch in der Selbsthistorisierung ist Schröder wieder einmal schneller als alle anderen, er schlägt einen Churchill um Zigarrenlängen. Das einzige Gegengift gegen den rasant sich verfestigenden Schrödermythos ist Gerhard Schröder selbst.
Posen des Medienkanzlers
Wie er auf dem Podium im Berliner Willy-Brandt-Haus steht und selbst die Pressekonferenz zu seiner am gleichen Tag erscheinenden Autobiographie leitet, als er mit durchgedrücktem Kreuz und dem Lächeln der Schlange Ka hier einen Frager abblitzen, dort einen Schmeichler gewähren läßt, während der pompöse Lichthof die Kanzlerfreunde, die Fernsehteams und Berichterstatter kaum fassen kann - in dieser Pose ist er wieder der, der er immer war, der Medienkanzler, der Meister des Rampenlichts.
Auf die Frage, warum Hannover in seinem Buch kaum vorkomme, antwortet er mit einem Kurt-Schwitters-Zitat, den Namen Oskar Lafontaine läßt er an sich abtropfen, und einem Journalisten, der ihn an seinen Kanzlerfluch gegen die „Bild“-Zeitung erinnert, die nun Auszüge aus den Memoiren vorabdrucken durfte, hält er ein anderes schrödersches Urwort entgegen: „Ich hab' ja gesagt, man darf nicht sein Leben lang nachtragen.“
Der Ex-Kanzler - „Altkanzler“ will er nicht heißen - trägt wahrhaftig nichts nach, sich selbst nicht und nicht dem Publikum, das ihn abgewählt hat. Die ersten Monate nach dem Verlust des Amts seien „wirklich schwierig“ gewesen, denn „ich wollte ja nicht aufhören“. Aber selbst am verregneten Strand von Borkum las der Entmachtete nicht Benn oder die „Blechtrommel“, sondern häutete die Zwiebel seiner Biographie.
Ein Kanzlerbuch
Die Schwebeteilchen im Kopf, die sich dabei zueinander fügten, stammten zum allergrößten Teil aus Schröders politischer Karriere, so daß die Kindheit nun in dem 540-Seiten-Band nur fünfzehn Seiten einnimmt. Dennoch liest man gern, wie der kleine Gerhard Sch. im Sommer 1954 von Bexten, wo er in der Villa Wankenicht wohnte, nach Knetterheide fuhr, um das WM-Finale im Fernsehsaal einer Gaststätte anzusehen.
Es ist, als hätte Gerhard Schröder einen Augenblick lang mit dem Gedanken gespielt, tatsächlich sein Leben zu erzählen. Doch dann entschloß er sich, doch lieber das Kanzlerbuch zu verfassen, das man von ihm erwartete. Wer wie Schröder das Wandertheater der Medien liebt, muß seine Rolle immer weiterspielen, auch wenn die Bühne, auf der er steht, nicht mehr die Weltgeschichte, sondern nur noch die eigene Biographie ist.