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Rückzug auf sich selbst

 ·  Geschichte der türkischen "Gastarbeiter" von den sechziger bis zu den achtziger Jahren

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Als die sogenannten "Gastarbeiter" seit den späten fünfziger Jahren aus süd- und südosteuropäischen Ländern und aus der Türkei angeworben wurden, ging man in der Bundesrepublik davon aus, daß die Gäste auch wieder gehen würden, ohne indessen die Dauer ihres Aufenthalts zu begrenzen. Als sich dann herausstellte, daß sie - ebenso systemlogisch wie weithin entgegen ihrer eigenen ursprünglichen Absicht - millionenfach blieben, obwohl Arbeitsplatzkapazitäten zurückgingen, und daß sie nach dem Anwerbestopp von 1973 verstärkt ihre Familien in die Bundesrepublik holten, herrschte in Gesellschaft und Politik zunächst Ratlosigkeit. Schließlich gab das Land mit den höchsten Zuwanderungsquoten im Nachkriegseuropa die Parole aus: "Deutschland ist kein Einwanderungsland" - Problemlösung durch Problemignorierung. Oder Paradoxie: In den achtziger Jahren förderte eine in dieser Hinsicht deutschtümelnde christdemokratische Politik die Rückkehr von Türken in ihr Heimatland ebenso wie zugleich die Zuwanderung von Deutschstämmigen aus Osteuropa. Tragfähige gesellschaftspolitische Konzepte für einen konstruktiven Umgang mit einer großen neuen Minderheit samt den damit verbundenen sozialstrukturellen Veränderungen kamen kaum zur Anwendung. Denn auf seiten der politischen Linken wiederum regierte harmonieselige Realitätsverweigerung im Zeichen des immerwährenden multikulturellen Straßenfestes. Anstelle des "anything goes" aber droht zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht nur in Kreuzberg oder im Wedding: "Rien ne va plus."

Es ist gesellschaftlich-politisch vermintes Gelände, auf dem dieses Buch zeithistorisches Neuland erschließt. Nicht zuletzt aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse - schon dies ein aussagekräftiger Umstand an sich - hat sich die Zeitgeschichtsschreibung des gesamten Themenbereichs der Einwanderung, gerade der türkischen Einwanderung nach Deutschland, bislang noch kaum angenommen. Karin Hunn stellt ihrer Arbeit einen hohen Anspruch: Sie macht "nicht nur die bundesdeutsche, sondern auch die türkische Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum Gegenstand, die wiederum mit der Lebenswirklichkeit der türkischen Migranten verbunden werden" - und dies für ein Vierteljahrhundert von den frühen sechziger bis zu den mittleren achtziger Jahren, ergänzt um einen Ausblick bis zur Jahrtausendwende. Zugrunde liegen ihr ganz überwiegend deutsche Quellen: Archivalien vor allem der Arbeiterwohlfahrt, der IG Metall sowie der IG Bergbau und Energie, betriebliche Akten aus dem Bergbau-Archiv sowie Bestände einzelner Bundesministerien (einschließlich der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung). Türkische Quellen werden nur in Form von Presseberichten und einiger weniger Interviews verwendet. Diese Auswahl gibt automatisch eine primär deutsche Sicht vor, die sich zudem stark auf die gewerkschaftliche Perspektive konzentriert, ohne daß die Darstellung explizit Fallbeispiele auswählen oder spezifische Schwerpunkte setzen würde (wie es etwa die Untersuchung von Monika Mattes über Gastarbeiterinnen tut). Vielmehr erhebt sie den Anspruch einer Gesamtdarstellung, bei der sich allerdings die Frage nach der Repräsentativität der dargestellten Gegenstände und nicht zuletzt der türkischen Zeitzeugenäußerungen stellt.

Die Stärke dieser Monographie liegt darin, daß sie die vielfältigen verschiedenen Schwierigkeiten und Probleme herausarbeitet. Ein Grundproblem der gesamten Entwicklung war, daß ursprünglich weder die bundesdeutsche Bevölkerung noch die türkischen Arbeitsmigranten an einer dauerhaften Einwanderung interessiert waren. Rückkehr war grundsätzlich das Ziel der Türken, das jedoch vor allem durch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in der Türkei vereitelt wurde. Daß die individuelle Entscheidung zum Bleiben dann vor allem als Zwang empfunden wurde, habe nicht zuletzt am Anwerbestopp von 1973 und an den Restriktionen einer erneuten Einwanderung gelegen. Dabei reagierte diese Maßnahme auf einen Prozeß, der besonders die Arbeitsplätze der überwiegend un- und angelernten türkischen Arbeitskräfte bedrohte: den gesamtwirtschaftlichen Strukturwandel im Zeichen der Tertiarisierung, der nach dem Ende des Nachkriegsbooms 1973 auf den Arbeitsmarkt durchschlug. Die unterprivilegierte und gefährdete Beschäftigungssituation der Türken wurde von den Gewerkschaften nicht grundsätzlich verbessert. Denn ihre Interessen richteten sich gerade in Krisenzeiten in erster Linie auf die deutschen Besitzer von Arbeitsplätzen.

In dieser Situation erwies sich, wie unvereinbar widersprüchlich und auch unbedacht hinsichtlich künftiger Entwicklungen die Vorstellungen der sechziger Jahre gewesen waren, nicht zuletzt auf seiten der anwerbenden Wirtschaft: die Annahme des dauerhaften Bedarfs an einer industriellen Reservearmee im Zeichen permanenten Wachstums einerseits und die Erwartung ihrer Rückkehr, insbesondere im Falle einer Krise, zum anderen. Nach 1973 schlugen sich diese Sichtweisen in zwei unterschiedlichen Konzepten nieder: der Rückkehrförderung und beginnender Versuche einer gesellschaftlichen Integration im Falle des Bleibens - beides jedoch ohne nachhaltige und tragfähige Umsetzung.

Unter diesen Umständen richteten sich die türkischen Einwanderer zumeist in der Bundesrepublik als einem "Dauerprovisorium" ein - mit der zunehmenden Tendenz, "sich auf sich selbst zurückzuziehen". Dies stieß wiederum auf die Erwartung aus der bundesdeutschen Gesellschaft, "daß sich die längerfristig in der Bundesrepublik lebenden Ausländer anzupassen hätten", während "Integration" - so die kritische Einschätzung dieser Forderung, ohne indessen eine tragfähige Alternative aufzuzeigen - nicht als "eigenständige gesellschaftliche und politische Partizipation" betrachtet worden sei.

Schließlich wird vor allem den "ausländerpolitischen Versäumnissen in den siebziger Jahren" die entscheidende Bedeutung für die problematische Entwicklung der türkischen "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik zugeschrieben, deren sich "die bundesdeutsche Gesellschaft zu Beginn der achtziger Jahre durch ein ausgesprochen restriktives und zunehmend auch aggressives Verhalten zu entledigen versuchte". Hinzu kam die "defizitäre Migrationspolitik" der türkischen Regierung, die ihrerseits an der Vorstellung der Rückkehr festhielt, an Devisen interessiert war und auch die religiöse Betreuung der Türken in Deutschland nicht sicherzustellen vermochte. Die islamische Kultur und Religion habe demzufolge erst im Verlauf dieser ungünstigen Entwicklung Bedeutung als "Aus- und Abgrenzungsmerkmale in einem zweiseitigen und sich gegenseitig verstärkenden Prozeß" der "Selbst- und Fremdethnisierung" gewonnen, in dem zudem das deutsche nationale Selbstverständnis und der "historisch bedingte Minderwertigkeits- und Diskriminierungskomplex vieler Türken" aufeinandertrafen.

An alldem ist sicher viel Richtiges, aber auch manches einseitig Verkürzte. Auffällig ist vor allem, wie sehr die türkischen Einwanderer in erster Linie als Opfer firmieren. Dieser normative Bias kommt auch in immer wiederkehrenden wertenden Formulierungen von "positiv" und "negativ", "falsch" und "richtig" zum Vorschein - und bereits in der Ausgangsfrage insbesondere nach Maßnahmen, die "als besonders diskriminierend empfunden wurden". Nicht nur im Hinblick auf die gegenwartspolitischen Probleme ist dies zu einfach und moralisierend verkürzt. Alles in allem vermittelt dieses Buch - von der Gesundheitsuntersuchung beim Anwerbeverfahren über das Kindergeld für in der Türkei lebende Kinder von Gastarbeitern bis zum Streit um die Koranschulen - vielfältige und umfassende Informationen und Einsichten zu einem wichtigen Thema. Seinen hochgesteckten Anspruch vermag es indessen wissenschaftlich nicht vollständig zu erfüllen.

ANDREAS RÖDDER

Karin Hunn: "Nächstes Jahr kehren wir zurück . . .". Die Geschichte der türkischen "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik. Wallstein Verlag, Göttingen 2005. 598 S., 46,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2006, Nr. 122 / Seite 9
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