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Rezension: Sachbuch Vom A-Club in den H-Club

 ·  Politische Hintergründe der Entwicklung der Wasserstoffbombe in Großbritannien 1954 bis 1958

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Lorna Arnold: Britain and the H-Bomb. Unter Mitarbeit von Katherine Payne. Palgrave Publishers Ltd., Hampshire 2001. 273 Seiten, 16,- Pfund.

Zwischen 1954 und 1958 entwickelte Großbritannien eine eigene Wasserstoffbombe. Über die politischen und technischen Hintergründe dieser Entscheidung liegt nun eine glänzend geschriebene, technische Details durchaus nicht scheuende Darstellung vor. Lorna Arnold faßt zunächst die wichtigsten Etappen der Vorgeschichte zusammen. Die ersten Überlegungen für eine Wasserstoffbombe reichen noch in die Zeit der amerikanisch-britisch-kanadischen Kooperation im Manhattan Project zurück, welche die 1945 auf Japan abgeworfenen A-Bomben hervorgebracht hatte, dann aber durch das amerikanische MacMahan-Gesetz von 1946 aufgekündigt wurde.

Auf diese Unilateralisierung der amerikanischen Kernwaffenpolitik antwortete der sozialistische Premierminister Clement Attlee 1947 mit einem eigenen britischen Kernwaffenprogramm, dessen Erfolg, so hoffte man in London, eine Wiederaufnahme der transatlantischen Kooperation ermöglichen würde. An die zusätzlichen hohen Aufwendungen für eine H-Bomben-Entwicklung war vorerst nicht zu denken, übrigens auch in den Vereinigten Staaten nicht, wo erst die böse Überraschung des ersten sowjetischen Atomtests im September 1949 den Ansporn für den forcierten Bau der H-Bombe gab - zu einem Zeitpunkt, als weder Amerikaner noch Briten die großen theoretischen Probleme einer H-Bombe gelöst hatten.

Auf diesen Weg begab sich Großbritannien erst, als die Sowjets im August 1953 mit ihrem H-Bomben-Test eine neue Lage geschaffen hatten. Ihr Test erfolgte nämlich nur zehn Monate nach dem entsprechenden der Amerikaner, deren Vorsprung, wie die Briten völlig richtig kalkulierten, insgesamt gering war. In einigen Punkten waren die Sowjets sogar voraus. Beispielsweise gelang es der Sowjetunion bereits im November 1955, eine waffentaugliche H-Bombe aus einem Bomberflugzeug abzuwerfen und korrekt zu zünden; auch bei den Interkontinentalraketen hatte sie die Nase vorn, wie der "Sputnik-Schock" vom Oktober 1957 zeigen sollte.

In dieser subjektiv, vielleicht sogar objektiv höchst gefährlichen Situation des Kalten Krieges gab es drei Gründe, die im Juli 1954 zur Londoner H-Bomben-Entscheidung führten: Erstens sah man sich durch die Stationierung amerikanischer Bomber, die mit Kernwaffen bestückt auf britischen Basen zum Einsatz gegen die Sowjetunion bereitstanden, der akuten Gefahr eines sowjetischen Erstschlages ausgesetzt. Diese Gefahr wollte man mit einem Arsenal von Sprengköpfen im Megatonnenbereich abschrecken. Zweitens hatte die Londoner Regierung, trotz der Gastfreundschaft für die amerikanischen Bomber, keine detaillierte Kenntnis der Einsatzpläne der Vereinigten Staaten und keine wirksame Möglichkeit, einen eventuell vorschnellen amerikanischen Einsatz aufzuhalten. Arnold bringt klar zum Ausdruck, daß London vor einem derartigen Losschlagen Washingtons mehr Angst hatte als vor einem sowjetischen Angriff. Drittens wollte man vermeiden, machtpolitisch abgehängt zu werden. Man wollte im "Club" der Großmächte bleiben und erwartete, daß die eigene H-Bombe endgültig die Vereinigten Staaten zur Zusammenarbeit in allen Fragen der Nuklearrüstung - auch der Trägersysteme - zwingen würde (was die britische A-Bombe nicht vermocht hatte).

Der komplizierte Weg zu einer brauchbaren Versuchsanordnung und von dort wiederum zu einer tatsächlich verwendbaren Waffe (technisch ein großer Unterschied) wird von Arnold erstaunlich präzise beschrieben. Für die politische Geschichte ist hiervon bedeutsam, daß die Briten - ohne amerikanische Hilfe - reine Doppelarbeit zu leisten hatten, wie etwas später übrigens die Franzosen auch - aus der Perspektive der Nato eine Absurdität. In der Manier von Detektiven werteten die Briten aus, was sie an radiochemischen Informationen aus den amerikanischen und sowjetischen H-Bomben-Tests gewinnen und in verstreuten Presseberichten entdecken konnten.

Nicht mehr völlig aufzuklären ist wohl die Rolle von Klaus Fuchs, dem deutschen Physiker im britischen Kernwaffenprogramm der Kriegsjahre, der noch 1946 - anläßlich der letzten anglo-amerikanischen Fachkonferenz zur H-Bombe - ein bahnbrechendes Teilkonzept vorgelegt hatte. Fest steht heute, daß Fuchs, der im Januar 1950 als Spion der Sowjets enttarnt wurde, erheblich mehr Informationen nach Moskau geliefert hatte, als er zugab (und als die Amerikaner zunächst vermuteten). Wieweit allerdings die aus Spionage gewonnenen Informationen zum erstaunlich großen Erfolg des sowjetischen Kernwaffenprogramms insgesamt beitrugen, ist bis heute umstritten. Wahrscheinlich hat Fuchs, zumindest was die H-Bombe angeht, für Moskau mehr geleistet als für seine britischen Arbeitgeber.

Bis ins Detail läßt sich aufzeigen, in welchem Ausmaß das britische Programm ein Wettlauf mit der Zeit war. Seit einem großen Testunfall des amerikanischen H-Bomben-Projektes im März 1954 formierte sich eine internationale Bewegung gegen Wasserstoffbomben und gegen Nukleartests, die den Papst, die Führer der damals entstehenden "blockfreien" Bewegung sowie viele besorgte Bürger insbesondere der westlichen Welt mobilisierte. Die 1957/58 stattfindenden Testserien konnten gerade noch erfolgreich beendet werden, ehe wenige Wochen später, im November 1958, ein internationales Testmoratorium in Kraft trat.

Besonders wichtig und neu an diesem Buch sind die Einzelheiten der technischen Konstruktion verschiedener Typen von H-Bomben der britischen Testserien in Australien sowie nahe einer Gruppe unbewohnter Pazifikinseln südlich von Hawaii. Auch Aspekte des Strahlenschutzes werden ausführlich behandelt. Arnold zitiert zwei 1988 und 1993 veröffentlichte amtliche Untersuchungen, die zumindest für die damals beteiligten und unmittelbar betroffenen Menschen keinerlei feststellbare Schädigungen erkennen lassen. Als erstaunlich aus technischer Sicht darf wohl gelten, daß die Briten in erheblich kürzerer Zeit als die Amerikaner und mit geringeren Mitteln, auch mit weniger Tests, im September 1958 eine fertige H-Bombe hatten. Als kurz darauf die Amerikaner zu einem intensiven Austausch von "Geheimnissen" zwischen Experten beider Seiten einluden, waren sie wohl erstaunt, daß sie nichts mehr zu verbergen hatten. Für die Wissenschaftsgeschichte ist noch anzumerken: Es gab keinen "Vater der britischen Wasserstoffbombe", den man mit Edward Teller und Andrei Sacharow auf ein Podest stellen könnte. Etwa ein Dutzend herausragender Figuren läßt sich auf der britischen Seite ausmachen, "team work" der reinsten Sorte.

Das 1958 abgeänderte amerikanische Atomgesetz ließ nun einen Datenaustausch mit verbündeten Mächten zu, sofern diese selbst "weit fortgeschritten" und für die amerikanischen Entwicklungsprogramme von Interesse seien. Nur die Briten kamen in den Genuß dieser Klausel. Das war der "great prize", den Premierminister Harold Macmillan schließlich gewann. Nur den Briten wurde gestattet, bestimmte Kernwaffen der Vereinigten Staaten nachzubauen, nur sie erhielten kostensparende technische Informationen und Trägerwaffen gleichsam zur freien Verfügung.

WOLFGANG KRIEGER

Britain and the H-Bomb

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.08.2001, Nr. 178 / Seite 7
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