15.03.2001 · Die Bürgerrechtler in der DDR und der Zusammenbruch des SED-Staates
Karsten Timmer: Vom Aufbruch zum Umbruch. Die Bürgerbewegung in der DDR 1989. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 142. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000. 416 Seiten, 68,- Mark.
Wer geduldig genug ist, sich hineinzufinden, der merkt bald, daß hier Wissenschaft spannend dargeboten wird. Die Studie von Karsten Timmer entwickelt sich rasch zum Politkrimi. Ihr Gegenstand ist die Bürgerbewegung in der DDR im Jahr 1989, mithin das Geflecht der Vorgänge, die zum Zusammenbruch des SED-Staates und schließlich zur Wiedervereinigung führten. Das alles liegt erst ein Jahrzehnt zurück, nicht lange genug, um die damalige Flut der Bilder im Fernsehen und der Berichte in den Zeitungen schon zu vergessen. Doch wie wenig konnte bei aller Fülle jenes Stück Geschichte richtig deutlich gemacht werden, das Timmer jetzt aufblättert.
Die Ereignisse fuhren nicht unbegreifbar wie Gottes Blitz aufs DDR-Land nieder, sondern entwickelten sich in logischer Abhängigkeit voneinander. Jede Einzelheit des Geschehens beeinflußte dauernd alle übrigen, also muß man sie sämtlich gut kennen, um zu begreifen, was vor sich ging, warum es so geschah und nicht anders. Timmer beginnt das Geflecht dort aufzudröseln, wo der Drang der sogenannten "Ausreiser" durch die politischen Wandlungen im Ostblock, vornehmlich in Ungarn, dramatisch gefördert wurde: Hunderttausende von DDR-Urlaubern strömten mit ihren Trabis über Österreich in die Bundesrepublik, Eisenbahnzüge transportierten jubelnde Botschaftsflüchtlinge aus Prag und Warschau, Menschenscharen vor dem Dresdner Hauptbahnhof versuchten, jene Züge auch noch zu erklimmen.
Schock für die Vorhut
Das war die historische Chance der Bürgerbewegung im Honecker-Staat. Nicht daß sie in jenem Sommer 1989 erst entstanden wäre, es gab sie längst in den Hinterstuben der Städte. Doch bisher hatten ihre Vertreter kaum mehr liefern können als Debatten unter Gleichgesinnten, zu stark war der drohende Druck der Staatsgewalt, zu groß die Verfolgungsfurcht der Normalbürger. Jetzt aber zeigte der Staat fatale Schwächen, und die zu erwartenden wirtschaftlichen Konsequenzen der Massenflucht gaben der Bürgerangst neue Richtungen.
In erstaunlich kurzer Zeit gelang es den Gruppen der Bewegung (unter ihnen Demokratischer Aufbruch, Initiative Frieden und Menschenrechte, Demokratische Initiative und vor allem Neues Forum), alles unter einen Hut zu bringen, was fürs Weiterbestehen und fürs Tätigwerden notwendig war: Sie sicherten sich Schutz und Unterstützung der Kirchen; sie mobilisierten das Volk zu gewaltfreien Demonstrationen für seine Rechte; sie nutzten die Verheerungen durch Exodus und Wirtschaftsdesaster, um argumentierend die desavouierte Staatsmacht an den Verhandlungstisch zu nötigen.
Letzten Endes waren es die Bürgerrechtsgruppen, die Honecker stürzten und Mielke aufs Altenteil verbannten. Es nimmt einem den Atem, sie in den Monaten November, Dezember an den Runden Tischen agieren zu sehen, eine durch und durch moralische Verschwörung zum Besten des Landes DDR, im Hintergrund die Reste der alten Gewalt, niedergerungen und dennoch nicht vollends besiegt. Doch nicht die alte, sondern eine neue Macht sollte den Verschwörern des Guten den Garaus machen. Das waren jene Teile des DDR-Volkes, die der kräftige Hauch Morgenluft im Staate ins Extrem gehen ließ, die auf ihren Demonstrationen bald nicht mehr "Wir sind das Volk" riefen, sondern "Wir sind ein Volk" und "Deutschland, einig Vaterland". Es muß ein arger Schock für die Vorhut gewesen sein, die unendlich viel riskiert hatte, um die DDR-Deutschen ins politische Paradies zu führen; in ein ideales Gemeinwesen nämlich, nur von einsichtiger Vernunft gleichrangiger Individuen regiert.
Den Leser freilich beschleichen dort, wo die Runden Tische ins Bild kommen, rasch Zweifel. Die bestätigt der Autor Seite für Seite. Wie wollten die mutigen Gutmenschen mit der ökonomischen Katastrophe fertig werden, wie mit außenpolitischen Problemen, vornehmlich im Hinblick auf die Sowjetunion? Welchen Status sollte ihr Gemeinwesen haben, wie sich in der internationalen Staatenwelt behaupten, sich notfalls gegen Teile davon schützen? Mit welchen Mitteln wollten sie undemokratische, zum Beispiel xenophobische Regungen im entfesselten Ostvolk zügeln? Timmer schreibt: "Rückblickend betrachtet, wurde die organisatorische, programmatische und ideelle Struktur der Bewegung mit jedem Erfolg unangepaßter an die Erfordernisse der Zeit, so daß die Bürgerbewegung systematisch die Bedingungen ihrer eigenen Marginalisierung schuf."
Unkriegerisch wie immer
Die Bürgerrechtler entwarfen einen Traum. Sie wehrten sich, unkriegerisch wie immer und diesmal erfolglos, als das so ganz anders weiterging, was sie initiiert hatten, als sie statt ihres Himmelreiches den deutschen Gesamtstaat ernteten. War ihr Unterfangen aus Naivität geboren? Timmer schließt das nicht aus, betont aber im gleichen Atemzug, daß niemand die Betroffenen deswegen auf den Müllhaufen der Geschichte kehren dürfe. Wer so eng urteilt, meint er, "verkennt . . . die Tatsache, daß eben die Naivität der Akteure eine treibende Kraft der Entwicklung war, denn ohne diese Naivität wäre wohl überhaupt nichts bewegt worden".
SABINE BRANDT