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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Sachbuch Kulturkampf im Jahre 2010

17.09.2001 ·  Huntington spricht vom Westen und meint die Vereinigten Staaten

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Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach. Europa Verlag, München und Wien 1996. 581 Seiten, 68,- Mark.

Im Sommer 1989 verkündete Francis Fukuyama mit markigen Worten das "Ende der Geschichte" und äußerte Besorgnis über die zu erwartende Langeweile. Zunächst sah es so aus, als würden sich endgültig westliche, liberal-demokratische Vorstellungen durchsetzen. Die Ereignisse am Persischen Golf und im damals noch bestehenden, in der Folge schnell zerfallenen Jugoslawien führten jedoch zu einer jähen Ernüchterung. Die Geschichte war nicht zu Ende. Kaum war man sich dieses Sachverhalts so recht bewußt geworden, vermeldete der amerikanische Politologe Samuel Huntington, die Ursache und den weiteren Verlauf der zu erwartenden Auseinandersetzungen der neuen Epoche erkannt zu haben. 1993 erschien in der einflußreichen amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs erstmals seine Analyse der Gegenwart und seine damals noch vorsichtig formulierte Prognose für die Zukunft: The Clash of Civilizations? - der Kampf der Kulturen? Huntington versah seine These mit einem Fragezeichen, aber schon in diesem ersten Aufsatz war dieses nicht ernst gemeint. Er war sich vielmehr ziemlich sicher, die richtige Erklärung für die auch nach 1989 noch zu erwartenden Konflikte und Kriege gefunden zu haben.

Der Aufsatz verursachte große Aufregung, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und zum wichtigsten Beitrag in Foreign Affairs erklärt, seit George F. Kennan 1948 Natur und Richtung der sowjetischen Politik analysiert und eine Gegenposition formuliert hatte. Dieser Tage nun hat Huntington - wie vor einigen Jahren Fukuyama - eine Ausarbeitung der These seines Artikels in Buchform vorgelegt, die innerhalb kürzester Zeit auch ins Deutsche übertragen wurde.

Huntingtons Argument ist einfach und hat Überzeugungskraft: An die Stelle der ideologischen Konfrontation der beiden Supermächte tritt gegenwärtig und in der Zukunft die Auseinandersetzung der Zivilisationen oder Kulturkreise. Huntington formulierte 1993 vorsichtig, jetzt aber selbstsicher, eine Folgerung: Konflikte innerhalb von verschiedenen Kulturkreisen sind zwar weiterhin möglich, in der Tendenz jedoch werden die Konflikte zunehmend zwischen den verschiedenen Kulturkreisen erfolgen. Interkulturelle Konflikte werden sich durch größere Intensität, Veränderungen in der Kriegführung und Brutalität auszeichnen. Diese prognostizierten Auseinandersetzungen werden sich, Huntington zufolge, zwischen sechs oder sieben von ihm definierten Kulturkreisen ereignen - er unterscheidet einen "westlichen" Kulturkreis, einen "islamischen", einen "chinesisch-konfuzianischen" und einen "hinduistischen", einen "lateinamerikanischen" und vielleicht einen "afrikanischen".

Huntington analysiert also gegenwärtige und erstellt Prognosen für zukünftige Konflikte. Das von ihm präsentierte Beweismaterial ist gut aufgearbeitet, denn betrachtet man die gegenwärtigen Konflikte, drängt sich seine Erklärung geradezu auf. Huntington geht aber noch einen Schritt weiter. Er skizziert einen (möglichen) Weltkrieg im Jahre 2010. Vom Ansatz erinnert das an ein Anfang der achtziger Jahre erfolgreiches Buch des britischen Generals Sir John Hackett. Dort war der darin geschilderte dritte Weltkrieg noch als Ost-West-Konflikt geschildert. In beiden Fällen wird aus der Wissenschaft Fiktion von gruseligem Unterhaltungswert.

Allerlei Einwände

Es lassen sich eine Reihe von Einwänden gegen Huntingtons Theorie formulieren, zum Beispiel, in dem man einige einzelne Fallbeispiele ins Wanken bringt. Wäre etwa der Bosnien-Krieg ein Konflikt zwischen verschiedenen Kulturen: wie dann die Sympathie der westlichen Öffentlichkeit für die bosnischen Muslime erklären? Es lassen sich andere Beispiele finden. Am Ende gibt es Fallstudien, die Huntington stützen, und solche, die ihm entgegenstehen. Wichtiger wäre allerdings, die Grundlagen der These Huntingtons zu diskutieren: "Kultur", "Zivilisation", "Hochkultur" haben keine ausreichende Erklärungskraft für Ereignisse der internationalen Politik. Einmal sind die gegenwärtigen "Kulturkreise" nicht nur in Grenzgebieten, sondern auch in ihren Zentren synkretistisch: Selbst radikale "islamistische Fundamentalisten" benutzen westliche Technologien und damit auch eine Form des Denkens, die ihrer Ideologie eigentlich fremd ist. Synkretismus ist zunehmend die Regel, nicht die Ausnahme. Zum anderen ist Kultur ein viel zu umfassender Begriff, um Politik erhellen zu können. Sicherlich spielen Religion, Sprache, ethnische Zugehörigkeit und anderes eine Rolle, will man Konflikte erklären. Die Argumentation mit solchen Begriffen wird aber schnell beliebig: Welche Gemeinsamkeiten etwa haben buddhistische Länder und Gebiete wie die Kalmückensteppe innerhalb der Russischen Föderation, Tibet und die Mongolei, die wesentlich zur Erklärung ihrer Politik beitragen würden? Warum haben konfuzianische Werte heute eine Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung, die ihnen in den letzten Jahrzehnten offensichtlich versagt blieb?

Als weiterer Kritikpunkt ließe sich anführen, daß Huntington seine These monokausal anlegt: Was ist mit anderen Faktoren? Huntington unterschätzt die Wirkung der Marktwirtschaft, die sich zeitgleich zum und bedingt durch das Ende des Kalten Krieges durchgesetzt hat. Wirtschaftliche Integrationsprozesse haben Kräfte freigesetzt, deren Folgen noch nicht absehbar sind. Es ist zumindest auch eine Tendenz zu weiterer Vereinheitlichung zu sehen, die neben den kulturellen Faktoren betrachtet werden müßte. Eine Analyse all dieser Fragen unterbleibt. Die Annahme, Verteilungskämpfe würden auch die Zukunft bestimmen, hat ebenfalls zumindest die gleiche Plausibilität wie Huntingtons These. Unabhängig von der Logik ökonomischen Handelns ist die Marktwirtschaft aber auch eine Idee, die politische Systeme prägt - gerade die asiatischen Staaten sind hierfür ein Beispiel. Obwohl Huntingtons Argumentation vereinfachend ist, sollte man das Buch lesen. Allerdings nicht als Text zur internationalen Politik: Das Buch wird eine faszinierende Lektüre, wenn man es nicht als eins Bestandsaufnahme der internationalen Politik im Stile Kennans oder Kissingers liest, sondern als das begreift, was es (zumindest auch) ist: Ausdruck der amerikanischen Befindlichkeit am Ende dieses Jahrhunderts. Die letzten Jahrzehnte haben den Glauben an die amerikanische Einzigartigkeit erschüttert; sie haben Amerika eine zwar starke, aber nicht die Erhaltung der stärksten wirtschaftlichen Position beschert, und sie haben Amerika im Inneren verwandelt. In den Vereinigten Staaten wächst die Angst, daß sich die amerikanische (westliche) Gesellschaft irreversibel verändert, daß die amerikanische Kultur in einem Amalgam von neuen und fremden Vorstellungen aufgeht. Im Süden Floridas, wo die amerikanische Gesellschaft schon karibisch geprägt ist, in den an Mexiko angrenzenden Staaten, in den Metropolen und an den Universitäten, wo westliche Vorstellungen relativiert werden, ist das zu spüren. Amerika sucht nach neuen Antworten auf diese Fragen; Huntington hat das Problem verallgemeinert. Er spricht über die westliche Welt, meint aber die Vereinigten Staaten. Dies erklärt, warum er die Unterschiede der "westlichen" Kulturen, etwa den zwischen Amerika und Europa, übergeht. Die Diskussion über Huntingtons politische Ratschläge ist eine amerikanische. DIETMAR HERZ

Der Kampf der Kulturen

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.1996, Nr. 294 / Seite 10
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