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Rezension: Sachbuch Jahrelang untätig zugesehen

 ·  Rabins Tod und der Extremismus in Israel

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Michael Karpin, Ina Friedman: Der Tod des Jitzhak Rabin. Anatomie einer Verschwörung. Deutsch von Klaus Fritz und Reiner Pfleiderer. Rowohlt Verlag, Reinbek 1998. 431 Seiten, Abbildungen, 42,- Mark.

Der Mord am israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin war nicht das Resultat einer Verschwörung. Das sagen auch die Autoren, obwohl in Israel die Verschwörungstheorien wie Pilze aus dem Boden schießen. Die Beschreibung des Sachverhalts, die Aussagen der Beteiligten, die Versäumnisse des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet liefern keinerlei Hinweise auf eine Verschwörung. Wenn die Autoren am Ende des Buches doch drei "Kreise der Verschwörung" ausmachen, wirkt das gekünstelt. Yigal Amir, der Mörder Rabins, handelte allein, bestärkt durch eine jüdische "Fatwa" (Din Rodef = Verfolger, der Juden in Todesgefahr bringt) von seiten einiger Rabbiner. Der Untertitel suggeriert somit einen falschen Tatbestand. Der englische Originaltitel: "Mord im Namen Gottes" trifft das, was die Autoren beschreiben wollen, nämlich die nationalistische und religiöse Rhetorik der israelischen religiösen Parteien, die der Rabin-Regierung die Legitimität abgesprochen haben. Der Mord im Namen Gottes war die logische Konsequenz dieser Hetze. Yigal Amir war nur das ausführende Instrument.

Das Buch geht nicht über das hinaus, was man schon bei Amnon Kapeliuk in "Nationalismus und rechte Gewalt in Israel" und Aron Ronald Bodenheimer "Rabins Tod" lesen konnte. Die nationalistisch-religiöse Rhetorik ist für westliche Ohren befremdlich, ja abstoßend. Auch die Auslegung, daß Amir nach dem jüdischen Gesetz, der Halacha, völlig rechtmäßig gehandelt haben soll, stößt in westlichen Demokratien auf Unverständnis. Verwundert ist der Leser, wenn er hört, daß gegen keinen dieser Rabbiner oder Politiker ein Ermittlungsverfahren wegen Anstiftung zum Mord oder staatsfeindlicher Hetze eingeleitet worden ist. Daß der Shin Bet sich im Mordfall Rabin nicht mit Ruhm bekleckert hat, ist nicht überraschend. Er war seit der Okkupation palästinensischen Landes nur auf den arabischen "Terror" und Widerstand fixiert. Dem Treiben der Nationalisten und religiösen Fundamentalisten sah man in den letzten Jahren untätig zu. Der Agent Avishai Raviv betätigte sich als Aufwiegler gegen die Rabin-Regierung und hörte nicht auf seinen Shin-Bet-Führungsoffizier. Zu Recht kritisieren die Autoren die Untersuchungsergebnisse der Shamgar-Kommission, weil sie die Ursachen für das geistige Klima, in dem dieser Mord geschehen konnte, beiseite wischte und dem Shin Bet den Schwarzen Peter zuschob. Ähnlich wie im Mord an Rabin verfuhr die Kommission unter Meir Shamgar, dem Ex-Präsidenten des Obersten Gerichts in Israel, nach dem Massaker in der Ibrahim-Moschee in Hebron durch den Fundamentalisten Baruch Goldstein. Auch hier wurde die Einzeltäter-Theorie bevorzugt. Das Buch faßt noch einmal alle Aussagen und Handlungen zahlreicher Rabbiner und israelischer Politiker zusammen und zeigt, wie sie zu einem geistigen Klima beigetragen haben, ohne das der Mord an Rabin nicht zu erklären ist. Schockierend dabei ist, daß diese Politiker alle in der heutigen israelischen Regierung versammelt sind. Es gab aber schon damals besonnene Stimmen im Lager des Likud: David Levy, Dan Meridor und Benny Begin zählten dazu. Sie sind aber nicht mehr in dieser Regierung. Die Ernennung von Ariel Sharon zum Außenminister Israels stellt dabei den Höhepunkt dar. Zu Recht warnen die Autoren vor einer weiteren Fundamentalisierung Israels.

LUDWIG WATZAL

Der Tod des Jitzhak Rabin

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.1998, Nr. 276 / Seite 10
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