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Rezension: Sachbuch Eiskalter Spitzengenosse mit Spitzbart

Walter Ulbricht: Schlüsselfigur des Kommunismus in Deutschland und Vasall Stalins

Mario Frank: Walter Ulbricht. Eine deutsche Biografie. Siedler Verlag, Berlin 2001. 539 Seiten, 48,- Mark.

Der Sachse mit Spitzbart und Fistelstimme war ungemein fleißig - darin wenigstens sind sich alle bisherigen Biographen einig. Ein Recht auf Faulheit reklamierte er weder für sich, noch gestand er es je anderen Leuten zu. In puncto Bienenfleiß und in solchen "Sekundärtugenden" wie Gründlichkeit und Perfektionismus konnte der am 30. Juni 1893 in der Leipziger Gottschedstraße geborene Schneidersohn als typischer Preuße gelten. Kaum jemand ist dem hypothetischen Charakterbild des "Roten Preußen" leibhaftig so nahe gekommen wie der langjährige SED-Spitzengenosse und DDR-Staatschef Walter Ulbricht, der am 1. August 1973 an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb.

Nun, fast drei Jahrzehnte später, holt der Fleiß Walter Ulbrichts seine Biographen ein. "Die bisherige publizistische Behandlung Walter Ulbrichts", schreibt Mario Frank im Nachwort, "wird seiner Bedeutung als Schlüsselfigur des Kommunismus in Deutschland nicht gerecht." Carola Stern dankt er für viele Anregungen, auch für den Grundgedanken, daß man Ulbricht "ernst nehmen muß".

In der Tat hatte Carola Stern bereits 1964 - in einem RIAS-Gespräch zu Ulbrichts 71. Geburtstag - die "verzerrten Ulbricht-Bilder" in Ost und West beklagt. In der "Zone" werde sein Bild durch Lobpreisungen völlig verfälscht. Und in der Bundesrepublik führe der Haß zur Verzerrung. Doch schon Frau Sterns damals erschienenes Buch "Ulbricht - Eine politische Biographie" ließ erahnen, wie tief man in die Details einsteigen muß, um dieser geschichtlichen Schlüsselfigur einigermaßen gerecht zu werden.

Da Franks "deutsche Biografie" sich auch noch "an eine breitere Öffentlichkeit" richtet und zugleich "der Wissenschaft von Nutzen" sein will, sind für das Buch Maßstäbe gesetzt, denen ein einzelner Autor - und sei er ein Riese an Fleiß und Kombinationskraft - nur schwerlich genügen kann. Eins allerdings ist sicher: Franks Buch über "WU" (wie man im SED-Apparat sagte) wird Furore machen, weil es den "Fall Ulbricht" neu aufrollt - mit neuem Aktenwissen und mit der Gelassenheit des neuen Jahrhunderts.

Schon jetzt heben einige Rezensenten die neue Biographie in den Himmel, dieweil andere Verrisse für angebracht halten. Lesenswert sind die kärglich illustrierten 539 Seiten allemal. Und sei es nur zu dem Zweck, in den anstehenden Streitgesprächen mitreden zu können.

In dreierlei Hinsicht vor allem könnte die Darstellung zu neuem Diskurs anregen: erstens über Ulbrichts Rolle in den Auseinandersetzungen um eine antifaschistische Einheitsfront 1935 bis 1937 in Prag und Paris (Ulbrichts Kampf gegen Willi Münzenberg), zweitens über Ulbrichts Rolle in den dramatischen Entwicklungen vor und nach dem 17. Juni 1953 (Ulbrichts Kampf mit L. P. Berija, Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt) sowie drittens über Ulbrichts Reformversuche in den sechziger Jahren (sein Dissens mit Leonid Breschnew und Erich Honecker). In allen drei Punkten steht ein annähernd bündiges zeitgeschichtliches Urteil noch aus.

Im Ringen um eine "Deutsche Volksfront" gegen Hitler hat der KPD-Spitzenfunktionär Ulbricht eine verhängnisvoll negative Rolle gespielt. Doch entsprach das geschichtlich unverantwortliche Intrigenspiel gegen Münzenberg weniger der Borniertheit und dem Machtrausch Ulbrichts, sondern eher seinem Vasallentum gegenüber Stalin. In Franks Buch sind die erst Anfang dieses Jahres in Berlin veröffentlichten Tagebücher von Georgi Dimitroff bereits ausgewertet. Aus ihnen geht klar hervor, daß Stalin schon 1934 Münzenbergs Aktivitäten verabscheute und daß er 1937 keinen Hehl aus seiner Absicht machte, Münzenberg als "trotzkistischen Schurken" nach Moskau zu locken, um ihn zu liquidieren.

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