Jürgen Rohwer/Mikhail S. Monakov: Stalin's Ocean-Going Fleet. Soviet Naval Strategy and Shipbuilding Programmes 1935-1953. Verlag Frank Cass, London 2001. 334 Seiten, 39,50 Pfund.
Der Untergang der "Kursk" und die Bilder vor sich hin rostender russischer Kriegsschiffe haben der Weltöffentlichkeit vor nicht allzu langer Zeit plastisch vor Augen geführt, daß die ehemalige Sowjetunion sich nicht nur als furchteinflößende Land-, sondern auch als global agierende Seemacht verstand. Die Ursprünge russischen Seemachtstrebens reichen zurück bis zu Peter dem Großen. Daß sogar der sowjetische Diktator Stalin in der Zaren-Tradition Seemacht als eine wichtige Voraussetzung von Weltmacht verstand, war bisher nur Fachleuten bekannt.
Obwohl ein klares seestrategisches Konzept fehlte, die Werftindustrie noch im Aufbau und die Armee angesichts knapper Ressourcen keineswegs begeistert war, befahl der Diktator bereits 1936 den Bau einer Schlachtflotte. Als Ziel war angestrebt, bis 1947 immerhin über 24 Schlachtschiffe, 20 Kreuzer und 526 andere Einheiten - darunter allein 344 U-Boote - zu verfügen und die Sowjetunion zu einer gleichwertigen Seemacht neben Großbritannien und den Vereinigten Staaten zu machen. Gewaltig waren auch die geplanten Schlachtschiffe: Mit bis zu 75 000 Tonnen waren diese erheblich größer als die deutsche "Bismarck" oder die "Tirpitz" .
Warum wollte Stalin derartig massiv zu See aufrüsten? Wie wollte er dieses Bauprogramm realisieren? Die Antworten der Autoren, gestützt auf unbekannte russische Quellen, überzeugen: Anders als bisher angenommen, hielt Stalin die von Litwinow verfolgte Außenpolitik der "kollektiven Sicherheit" nicht erst 1939, sondern bereits Mitte der dreißiger Jahre für gescheitert. Das Zusammenrücken Deutschlands, Japans und Italiens sowie die britische Appeasementpolitik gegenüber diesen potentiellen Gegnern der Sowjetunion waren für ihn untrügliche Zeichen einer gefährlichen Isolierung.
Nur eine auf eigener militärischer Stärke beruhende Verteidigungspolitik schien daher wirkliche Sicherheit zu gewährleisten. Darüber hinaus war Stalin offenbar aber auch von der Idee des amerikanischen "Marinepropheten" Alfred T. Mahan besessen, daß eine Schlachtflotte das wichtigste Symbol und stärkste Instrument eines modernen Machtstaates sei. Diese Haltung war in den dreißiger Jahren nicht ungewöhnlich: 1938 befahl auch Hitler den Bau einer gewaltigen Schlachtflotte zur Umsetzung seiner Weltherrschaftspläne. Präsident Roosevelt glaubte zur selben Zeit ebenfalls, nur eine starke "Zwei-Ozean"-Flotte könne die amerikanischen Interessen gegenüber den heraufziehenden Gefahren verteidigen.
Obwohl eindeutige Beweise bisher fehlen, spricht zudem vieles dafür, daß Stalin die Flotte nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zur Realisierung offensiver weltpolitischer Ziele einsetzen wollte. Das größte Hindernis bei der Umsetzung seiner ehrgeizigen Pläne war zunächst jedoch der sowjetische Diktator selbst: So überschätzte er geradezu permanent die Leistungsfähigkeit der Werftindustrie. 1936 konnte diese nur 53 Prozent des Plansolls erfüllen, 1938 waren es trotz erheblichen Drucks nicht mehr als 60 Prozent. Kaum weniger fatal wirkten sich die blutigen Säuberungen aus, denen die Spitzen der Marine und die erfahrensten Ingenieure zum Opfer fielen. Mißtrauisch, wie er war, behielt Stalin zudem wichtige Details des Bauprogramms für sich. Die Folgen waren daher verheerend. Viele Schiffe wurden immer wieder umgeplant und nur ein kleiner Teil tatsächlich auf Kiel gelegt.
Mit dem deutschen Angriff 1941 waren die großen Pläne zunächst Makulatur, obwohl Stalin an seiner Grundidee festhielt. Die katastrophalen Kriegsfolgen sowie die gewachsene Bedeutung strategischer Luftherrschaft im Zeichen der Atombombe verlangten andere Prioritäten. Stalin erkannte diese zwar an, ließ aber bereits im November 1945 ein neues Flottenprogramm verabschieden, das bis 1955 den Bau von 5850 Kriegs- und Hilfsschiffen vorsah. Als hohe Seeoffiziere einschließlich des Chefs der Marineführung, Admiral Kusnetzow, daran Kritik übten und auch Flugzeugträger forderten, wurden sie degradiert oder zu langjähriger Lagerhaft verurteilt.
Stalins Nachfolger hatten zunächst wenig Interesse für die Marine; sie setzten auf das neue nukleare Potential. Nach der Kuba-Krise, die Chruschtschow die Bedeutung einer ozeanfähigen Flotte drastisch vor Augen geführt hatte, setzte der "rote Tirpitz", Admiral Gorschkow, ein gigantisches Wettrüsten zur See in Gang, das die Kräfte der Sowjetunion jedoch überforderte. Mit dem systembedingten Zerfall des Reiches begann die Flotte daher in den eigenen Häfen zu versinken.
Die beiden Autoren leisten einen wichtigen Beitrag zur Stalinschen Außen- und Marinepolitik. Um so bedauerlicher ist es, daß die vielen technischen und militärischen Begriffe das Lesevergnügen unnötig einschränken.
MICHAEL EPKENHANS