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Rezension: Sachbuch Arbeit am Mythos

Raina Zimmering: Mythen in der Politik der DDR. Ein Beitrag zur Erforschung politischer Mythen. Verlag Leske + Budrich, Opladen 2000. 385 Seiten, 32,90 Euro.Karin Hartewig: Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2000. 646 Seiten, 50,- Euro.Norbert Podewin: Albert Norden.

Raina Zimmering: Mythen in der Politik der DDR. Ein Beitrag zur Erforschung politischer Mythen. Verlag Leske + Budrich, Opladen 2000. 385 Seiten, 32,90 Euro.

Karin Hartewig: Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2000. 646 Seiten, 50,- Euro.

Norbert Podewin: Albert Norden. Der Rabinersohn im Politbüro - Stationen eines ungewöhnlichen Lebens. edition ost, Berlin 2001. 437 Seiten, 16,- Euro (derzeit nicht lieferbar).

Simone Hannemann: Robert Havemann und die Widerstandsgruppe "Europäische Union". Eine Darstellung der Ereignisse und deren Interpretation nach 1945. Schriftenreihe der Robert-Havemann-Gesellschaft, Berlin 2001. 188 Seiten, 8,- Euro.

Die landläufige Meinung ordnete lange Zeit den Mythos, dem etwas Irrationales anhafte, der Rechten und die rationale Aufklärung der Linken zu. Raina Zimmering widerspricht dieser Auffassung und untersucht die Ideologie des SED-Staates als Mythenerzählung. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß die SED-Herrschaft trotz aller Suche nach dem Urgrund ihrer staatlichen Sonderexistenz am Ende kein "DDR-Volk" hervorgebracht hat. "Es existierte lediglich die Zuweisung eines Staates an ein Teilvolk durch die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg" und ein "Kunstmythos", der nie volkseigen wurde. Die Autorin analysiert das anhand von drei zentralen Selbstlegitimationen des SED-Regimes: dem antifaschistischen "Gründungsmythos der DDR", der Beanspruchung von Bauernkriegen und Reformation als Vorgeschichte der DDR sowie dem Preußenmythos, der sich vom anfänglichen Negativbild zum Element der Identitätsstiftung gewandelt hat.

Der eigentliche Ursprungsmythos des Regimes aber, der Kommunismus, bleibt ausgespart. Das ist erstaunlich, weil die unerschütterliche Überzeugung und der missionarische Eifer, mit dem die Gründerväter der DDR zu Werke gingen, doch hier ihre Wurzeln hatten. Der kommunistischen Funktionärselite war von Anfang an klar, daß die "antifaschistisch-demokratische Ordnung" in die Diktatur des Proletariats münden würde. Im nachholenden Kampf gegen den "Hitler-Faschismus" und die westlichen Monopole konnte die Mehrheitsbevölkerung auf die Siegerseite wechseln und in die spezifische Widerstandsgeschichte der kommunistischen Minderheit integriert werden, damit die Zukunft auch ihre passende Vergangenheit habe.

Auch die jüdischen Überlebenden hatten sich rasch und ohne viel Aufhebens in die neue antifaschistisch-sozialistische Volksgemeinschaft einzufügen. Karin Hartewig vollzieht in ihrer fast enzyklopädischen Untersuchung diesen Teilaspekt der DDR-Geschichte nach. Dabei geht es der Autorin sowohl um das Schicksal der religiösen Juden in der zweiten Diktatur als auch um die aus dem Exil zurückgekehrten oder aus den Konzentrationslagern befreiten Kommunisten jüdischer Herkunft. Ihre Integration in die SED vollzog sich in aller Stille. Die Kaderabteilung wußte Bescheid, gegenüber der Öffentlichkeit wurden "Andeutungen über ihre jüdische Herkunft und die Verfolgung ihrer Familien jedoch streng vermieden". Albert Norden, SED-Politbüromitglied und Rabbinersohn, schrieb 1959 an Arnold Zweig, die Hervorkehrung jüdischen Selbstbewußtseins, die Forderung nach einem offenen Bekenntnis zum Judentum sei historisch überholt und könne "uns heute in die Position desjenigen bringen, der wider Willen Wasser auf die antisemitischen Mühlen gießt".

Für die SED war der nationalsozialistische Antisemitismus ein nachrangiges Phänomen. Karin Hartewig spricht von einer "Marginalisierung der jüdischen Opfer gegenüber den antifaschistischen Widerstandskämpfern". Der Judenmord wurde "als Nebenschauplatz der nationalsozialistischen Verfolgungspraxis betrachtet". Trotz vereinzelter Versuche, diese SED-Geschichtspolitik mit Gegenerzählungen zu konterkarieren, blieb der "Antifaschismus ohne Juden" bis in die achtziger Jahre das dominante und offizielle Geschichtsbild der SED.

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