ERICH HONECKER gewährte nur wenige Monate nach seinem Sturz im Jahre 1990 zwei Männern ein Interview. Reinhold Andert, ein ehemaliges Mitglied des FDJ-Gesangsvereins "Oktoberklub", sowie der Historiker Wolfgang Herzberg befragten den einstigen Machthaber. Das Interview erschien 1991 unter dem reißerischen Titel: "Der Sturz. Honecker im Kreuzverhör". Ein Kreuzverhör war es weniger, das Interview staubte vor Langeweile. Der Ex-Staatschef präsentierte seine orthodox-marxistische Weltsicht und pries die Errungenschaften der DDR. Jetzt, zehn Jahre später, tritt einer von Honeckers damaligen Gesprächspartnern mit einem neuen Buch an die Öffentlichkeit. Reinhold Andert vermarktet das Interview ein zweites Mal. Der Klappentext des neuen Buches verheißt vielversprechend: "Der Autor Andert bringt Dinge zur Sprache, die in dieser Intimität wohl keinem anderen Zeitzeugen anvertraut worden sind." Dieser Ankündigung wird er jedoch nur ansatzweise gerecht. Spannend und authentisch ist die Lektüre immer dann, wenn über die Begegnungen mit Erich und Margot Honecker berichtet wird. Die Honeckers suchten nach ihrem Sturz zunächst in einem Pfarrhaus und später in einem sowjetischen Militärhospital Asyl. An beiden Orten besuchte sie Andert und schildert anschaulich die bescheiden gewordenen Lebensumstände des Ehepaars. Interessant ist auch, wenn der Autor über Honeckers Familienverhältnisse plaudert, Margots vermeintliche Affären kolportiert oder deren angeblich enges Verhältnis zum 1976 aus der DDR ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann beschreibt. Hierbei handelt es sich allerdings weitgehend um Gerüchte, gesicherte Fakten werden nicht geliefert. Mühselig wird es für den Leser, sobald Andert sein eigentliches Thema verläßt, um seitenlang über die Eigentumsverhältnisse in der DDR, die Volksbildung oder die Geschichte des proletarischen Liedguts zu referieren. Aufgrund einiger Textpassagen müssen außerdem Zweifel daran angemeldet werden, ob der Autor wirklich ein Honecker-Intimus war. Beispielsweise gibt er selbst zu, nicht einmal den Vornamen von Honeckers Schwiegersohn zu kennen. An anderer Stelle beruft er sich auf ein Protokoll der Politbürositzung vom 17. Oktober 1989, welches bis heute definitiv nicht aufgetaucht ist. Insgesamt ist das Buch ein geschickt gemachter Versuch, eine alte Geschichte im neuen Gewand zu verkaufen. Die versprochenen "enthüllenden Betrachtungen" liefert es indes kaum. (Reinhold Andert: Nach dem Sturz. Gespräche mit Erich Honecker. Verlag Faber & Faber, Leipzig 2001. 206 Seiten, 29,- Mark.)
THOMAS KUNZE