18.01.2001 · Selbst die Kreuzfahrer hatten keinen Plan von der heiligen Sache: Franco Cardini räumt mit Mißverständnissen über Europas Verhältnis zum Islam auf
Jahresangaben, Monatsnamen, Tagesdaten, Ortsbezeichnungen, Eigennamen - eine Information folgt schnell der vorhergehenden. Etwas zu behalten, scheint unmöglich. Alles löst sich auf in einzelne Begebenheiten, Nebenschauplätze, Randgebiete. "Europa" scheint es gar nicht gegeben zu haben, nur hier eine kleine Schlacht oder ein Angriff, dort eine Eroberung oder eine Vertreibung. Auch das, was man gewöhnlich unter "Islam" versteht, verschwimmt. Kaum einer der großen muslimischen Denker wird genannt, kein Herrscher-Porträt entworfen, keine theologische Schule erklärt.
Die umfangreiche Zeittafel am Ende des Buches verdeutlicht, wovon in ihm die Rede ist: Kriege, Raubzüge, Schlachten, Siege, Angriffe, Vertreibungen, Eroberungen und Niederlagen. Eine Gewichtung erfolgt nicht. Die Eintragung "1914 - 1918 Erster Weltkrieg" hat genau den gleichen Stellenwert wie "1365, 10.-16. Oktober. Peter Lusignan, der König von Zypern, überfällt und plündert Alexandria". Der Autor sagt es nicht so deutlich, läßt es aber doch erkennen: Die Christen haben den Islam nicht als eine religiöse Einheit, die es zu bekämpfen galt, verstanden; die Muslime wußten nichts von einem christlichen Abendland, das erobert werden mußte.
In seiner "Geschichte eines Mißverständnisses", so der Untertitel des Werkes, zerstört Franco Cardini unaufhörlich Mythen. Selbst der Kreuzzuggedanke wird als "Mythos" bezeichnet, als "der weiße Wal der Christenheit", denn: "In jedem Fall kann man die Kreuzzüge nicht als Religionskrieg deuten. Kein Theologe und kein Kirchenrechtler hat jemals explizit den Gedanken geäußert, letztes Ziel der Kreuzzüge sei die Bekehrung der Ungläubigen." Mit diesen und ähnlich spitzen Formulierungen will der Autor darauf hinweisen, daß die zahlreichen Berührungen zwischen Muslimen und Christen rund um das Mittelmeer nicht dazu berechtigen, von "dem Islam" oder von "Europa" als Einheit zu sprechen, zumal in den ersten Jahrhunderten der Begegnung die Christen von den religiös-theologischen Ausrichtungen der Muslime weder Kenntnis hatten, noch sich überhaupt dafür interessierten.
Das änderte sich erst, so die These des Autors, nach der Jahrtausendwende, nachdem al-Mansur im Jahre 997 die nordspanische Stadt Compostela - die Verehrungsstätte für den Apostel Jakobus - geplündert und zerstört hatte. Die Verheerung dieser Wallfahrtsstätte habe bei den Christen keine Angst oder Bestürzung ausgelöst, sondern nur Entrüstung und religiösen Eifer. Die Schändung des Apostelgrabes sei eine Angelegenheit gewesen, die (zum ersten Mal) "die gesamte Christenheit" betroffen habe: "Denn nirgendwo sonst entstand europäisches Bewußtsein, wuchs europäische Identität."
Für die Christen war Compostela der Wendepunkt, für die Muslime der Sieg al-Mutamids über Alfons VI. in Zallaqa (dem heutigen Sagrajas) am 23. Oktober 1086. Der Muslim hatte dem Christen jede Art von Kompromißverhandlungen verwehrt mit dem Hinweis, sein einziges Argument seien Schwerter, Lanzen und ein großes Heer. Al-Mutamid ging es nicht allein um einen weiteren Sieg, sondern um die Vernichtung der Christen. Cardini bezeichnet die Schlacht im spanischen Zallaqa als "eine der verheerendsten Niederlagen der Christen in ihrer ganzen Geschichte", denn die Christen sahen "sich einem neuen Islam gegenüber". Dieser in der Sicht von Cardini so wichtigen Schlacht von Zallaqa widmet die "Encyclopaedia of Islam" (Bd. VII, 1993) unter dem Stichwort "al-Mu'tamid Ibn 'Abhad" dürre eineinhalb Zeilen.
Cardinis Urteil über die Kreuzzüge und seine Bewertung der Kämpfe um Compostela und Zallaqa - um nur diese drei Beispiele zu nennen - machen den Leser ein wenig staunen, doch genau dies ist beabsichtigt: Der Autor möchte anregen zu einem neuen Lesen der Quellen einschließlich der Volksdichtungen, Heldenepen, Gedichte und fromme Spiele. Vorurteile werden als Mythen entlarvt, scheinbare Selbstverständlichkeiten über "die" Muslime und "die" Christen hinterfragt.
Der Autor behandelt die Geschichte detailliert bis ins 16. Jahrhundert, der Rest wird kursorisch auf wenigen Seiten beschrieben. Die letzte Jahreszahl ist die der islamisch-iranischen Revolution von 1979. Wer eine Geschichte von 1357 Jahren (von 622 bis 1979) auf 270 Textseiten entfaltet, dem sollte nicht vorgehalten werden, ihm sei dieser oder jener Fehler unterlaufen. ("Die ersten Muslime waren großteils christliche Konvertiten.") Dieses gelehrte Buch - die italienische Originalausgabe erschien 1999 - sollte gelesen werden als eine eindringliche Frage, ob das, was wir über die Wechselbeziehungen zwischen Europa und dem Islam zu wissen meinen, wirklich den historischen Tatsachen entspricht. Die Antworten, die das Buch hervorrufen wird, machen es zu einer wichtigen Lektüre.
FRIEDRICH NIEWÖHNER.
Franco Cardini: "Europa und der Islam". Geschichte eines Mißverständnisses. Aus dem Italienischen von Rita Seuß. C.H. Beck Verlag, München 2000, 308 S., geb., 54,90 DM.