19.10.2009 · Für Richard J. Evans zeigt das "Dritte Reich" in extremster Form, wohin Hass und Destruktivität führen können
Wer will das alles lesen? Die Frage stellt sich beim ersten Blick auf das monumentale Werk von Richard J. Evans über den Nationalsozialismus. Nach "Aufstieg" (2004) und "Diktatur" (2006) legt der in Cambridge lehrende 62 Jahre alte Fachmann für deutsche Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert jetzt den letzten Teil vor: "Krieg". Allein dieser dritte Band umfasst ohne Fußnoten fast tausend Seiten. Die militärischen Entscheidungen und Abläufe bilden für Evans die Folie, auf der er den Alltag der Deutschen im Zweiten Weltkrieg sowie die brutale "Verwaltung" in den eroberten Gebieten Europas schildert. Dabei zieht er immer wieder Tagebücher und Briefe heran - lässt Soldaten und Zivilisten, Hochrangige und Tiefstehende, Täter und vor allem Opfer zu Wort kommen. Wen dieser riesige Lesestoff nicht abschreckt, den erwartet eine über weite Strecken fesselnde, oft erschreckende Lektüre. Sach-, Personen-, Orts- und Kartenregister bieten dem Eiligen gezielte Orientierung.
Im ersten Kapitel, "Tiere in Menschengestalt", geht es unter anderem um den Blitzkrieg gegen Polen, um Misshandlung, Ausbeutung und Ermordung Tausender Polen und Juden, um Massendeportationen junger Menschen als Zwangsarbeiter in das Deutsche Reich und um die Plünderungskampagnen der Besatzer. Generalgouverneur Hans Frank, der in Krakau residierte, ließ sich - dem "Führer" nacheifernd - bei Zakopane einen eigenen Berghof errichten. Und der gelernte Jurist fraß sich - ganz von Hitler abweichend - so voll, dass sein großer Dienstanzug fast aus allen Nähten platzte.
Das zweite Kapitel "Kriegsglück" widmet sich den militärischen Ereignissen bis Ende 1941. Den Sieg über Frankreich bezeichnet Evans als "die größte militärische Einschließung der Geschichte". Deutschland "hatte seinen Erzfeind gedemütigt, die Schmach von Versailles war getilgt. Hitler war außer sich vor Begeisterung." Dies war nur von kurzer Dauer - bis zur Luftschlacht gegen England im Herbst 1940, als er zum ersten Mal "eine größere Schlacht" verlor. Während des Russland-Feldzugs habe die Wehrmacht "eine Politik der Vergeltung von äußerster Brutalität" betrieben. Beim geringfügigsten Sabotageakt sei mit dem Anzünden von Häusern und der Erschießung von Bewohnern reagiert worden. Evans sieht im Ostfeldzug eine "Art negativen Tourismus" und belegt dies mit Briefen einfacher Soldaten und hoher Offiziere, die über den Schmutz und das Elend der Bevölkerung schockiert waren. Aus solcher Sicht habe es keine Rolle gespielt, "wie hart man diese elenden, untermenschlichen Wesen behandelte".
Im dritten Kapitel, "Endlösung", stellt der Autor heraus, dass Massenmorde und Pogrome in aller Öffentlichkeit stattfanden; Täter und Gaffer berichteten nicht nur darüber, sondern schickten Schnappschüsse von Exekutionen in die Heimat oder zeigten sie Angehörigen und Freunden beim Fronturlaub. Die Ausrottungspolitik begleitete bis in öffentliche Verlautbarungen hinein eine Sprache, "die an Klarheit nichts zu wünschen übrigließ". Als Beispiel führt Evans die Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels vom 18. Februar 1943 an: "Deutschland jedenfalls hat nicht die Absicht, sich dieser jüdischen Bedrohung zu beugen, sondern vielmehr ihr rechtzeitig, wenn nötig unter vollkommener und radikalster Ausrott-, -schaltung des Judentums, entgegenzutreten." Mit dem absichtlichen Versprecher - so Evans - "forderte Goebbels seine Zuhörer überall in Deutschland zu einem stillschweigenden Einverständnis nicht nur mit dem Massenmord an den Juden auf, sondern auch mit dem damit verbundenen Umstand, dass hierfür eine beschönigende Sprache gebraucht werden musste".
Die "Neuordnung Europas" behandelt das vierte Kapitel, hier vor allem Kriegswirtschaft und Einsatz von Fremdarbeitern und KZ-Häftlingen. Das fünfte Kapitel, "Der Anfang vom Ende", thematisiert die militärischen Rückschlägen und den "Einzug" des Kriegs in Deutschland durch alliierte Luftangriffe. Die Bomberbekämpfung habe große Ressourcen verschlungen, sowohl bei der Luftabwehr als auch durch Reparatur- und Räumarbeiten. 400 000 bis 500 000 Tote - ganz überwiegend Zivilisten - habe der alliierte Bombenkrieg in Deutschland gefordert, etwas zehn Prozent davon waren ausländische Arbeiter und Kriegsgefangene. Man könne sich auf den Standpunkt stellen, dass der Bombenfeldzug "länger als unbedingt nötig fortgeführt wurde und dass er besonders im letzten Kriegsjahr in einer Weise geführt wurde, die zu wahllos war, als dass sie sich rechtfertigen ließe". Eine "gewaltige" Wirkung auf die allgemeine Stimmung an der Heimatfront müsse allerdings zugebilligt werden, zumal die Autorität der Führung des "Dritten Reichs" mehr und mehr untergraben wurde.
Das sechste Kapitel nennt Evans "Deutsche Ethik". Hier werden unter anderem "Kulturen der Zerstörung" abgehandelt: Zeitungen, Theater, Film, " musikalisches Leben" - darunter der Komponist Richard Strauss, der mit der ständigen Bedrohung des Lebens seiner jüdischen Schwiegertochter Alice und seiner Enkel zu kämpfen hatte, und der Komponist Hans Pfitzner, der für einen Besuch bei Generalgouverneur Hans Frank eigens die sechsminütige "Krakauer Begrüßung" komponierte und sogar dirigierte -, schließlich grausamste medizinische Versuche. Ungewöhnlich scharf setzt sich Evans mit dem 20. Juli 1944, auch mit den staats- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Hitler-Gegner, auseinander: "Den Verschwörern war es nicht gelungen, Hitler umzubringen, und sie hatten es auch nicht verhindern können, dass die Nachricht von seinem Überleben aus seinem Hauptquartier der Außenwelt übermittelt wurde. Ihre Vorbereitungen waren achtlos gewesen und hatten den Details allzu wenig Aufmerksamkeit geschenkt." Für den Fall eines gelungenen Attentates schließt Evans die Möglichkeit eines Bürgerkriegs zwischen Wehrmacht und SS nicht aus. Außerdem hätten die Westalliierten gar nicht die Absicht gehabt, mit Deutschland zu verhandeln; einen Separatfrieden hätte es mit Rücksicht auf die Sowjetunion nie gegeben. Immerhin räumt der Brite ein, dass durch eine Beseitigung Hitlers der Krieg um einige Monate verkürzt worden wäre, "was auf allen Seiten Millionen Menschen das Leben gerettet hätte. Schon allein dies war eine mehr als hinreichende Rechtfertigung für das Unternehmen."
Das siebte Kapitel befasst sich mit dem "Untergang". Hier erinnert Evans auch daran, dass in den letzten Kriegsmonaten in Deutschland auf den Todesmärschen und in Lagern insgesamt wohl zwischen 200 000 und 350 000 Gefangene aus Konzentrationslagern starben. Und er beschreibt und erklärt eindringlich die Greuel der Roten Armee bei der Eroberung Ostdeutschlands. Evans' Resümee lautet: "Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen brachte der 8. Mai 1945 keine Befreiung, sosehr es auch in der Rückschau diesen Anschein haben mag. Die Niederlage Deutschlands war eindeutig. Die Menschen rangen jetzt darum, sich geistig an die neue Situation anzupassen und sich von der moralischen und seelischen Last des Nationalsozialismus zu befreien."
In den fünfziger Jahren, als Wiederaufbau und Wohlstand in der Bundesrepublik im Vordergrund standen, habe es eine "selektive Amnesie im Hinblick auf die NS-Vergangenheit" gegeben. Deutsche Historiker legten später "die lange geleugnete Beteiligung zahlreicher Sektoren der deutschen Bevölkerung an den Verbrechen des Dritten Reiches" offen, "von den Offizieren und Mannschaften der Wehrmacht bis zu den Ärzten und Naturwissenschaftlern, die in Deutschlands Krankenhäusern und Forschungsinstituten tätig waren". Den Erträgen deutscher Zeithistoriker weiß sich Evans - wie auch die Fußnoten zeigen - sehr verpflichtet; ohne deren detaillierte Vorarbeiten hätte er seine glänzende Mammutsynthese, der keine eigenen Archivstudien zugrunde liegen, so nicht verfassen können.
Das "Dritte Reich" verliert laut Evans selbst mit großer zeitlicher Distanz nichts von der Kraft, "moralische Debatten anzustacheln". Es zeigt in "zugespitztester Form die Potentiale und Konsequenzen des menschlichen Hasses und der Destruktivität auf, die, und sei es nur in geringem Umfang, in allen von uns vorhanden sind". Es demonstriert die Konsequenzen von Rassismus, Militarismus und Autoritarismus: "Es zeigt, wohin es führen kann, wenn manche Menschen als weniger menschlich behandelt werden als andere." Und es macht jene Schwierigkeiten bewusst, denen Menschen gegenüberstehen, die "zwischen Mitmachen und Widerstand, zwischen Handeln und Untätigkeit entscheiden" müssen. Daher werde das "Dritte Reich" weiterhin "die Aufmerksamkeit denkender Menschen in aller Welt mit Beschlag" belegen.
RAINER BLASIUS.
Richard J. Evans: Das Dritte Reich. Band 3: Krieg. Deutsche Verlagsanstalt, München 2009. 1151 S., 49,95 [Euro].