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Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte Die bunte Vielfalt

18.06.2009 ·  Im Workshop sich selbst verfertigenden Denkens: Ralf Dahrendorfs neueste Aufsatzsammlung „Der Wiederbeginn der Geschichte“ will das kalte Herz von Markt und Demokratie mit etwas Bürgersinn aufwärmen.

Von Hans-Peter Schwarz
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Im Konzert der sozialwissenschaftlichen Auguren unseres stürmischen Zeitalters spielt Ralf Dahrendorf seit langem die erste Geige. Wer sich in Erinnerung rufen möchte, was zwischen dem „annus mirabilis“ 1989 und dem „annus terribilis“ 2003 die internationalen Highbrow-Diskurse bewegt hat, den erwartet beim Studium des Sammelbandes ein Déjà-vu-Erlebnis - vor allem aber jenes intellektuelle Vergnügen, das nie ausbleibt, wenn man sich auf die Arbeiten Dahrendorfs einlässt. Die zwei Dutzend Aufsätze und Vorträge, letztere meist bei Entgegennahme renommierter Preise gehalten, sind nach den Jahren der Entstehung geordnet und mit lesenswerten Einführungen versehen.

Seit den frühesten Anfängen besaß Dahrendorf ein ausgeprägtes Talent, mit seinen soziologischen Analysen der Gegenwart weit über die Schicht der sozialwissenschaftlich Gebildeten hinaus Aufmerksamkeit zu wecken. Ein jedes seiner Bücher, auch jeder Aufsatz, führt gewissermaßen in den Workshop Dahrendorfschen Denkens. Nichts wird fertig präsentiert, alles entsteht gewissermaßen vor den Augen des Lesers. Zupackende, meist unerwartete Fragen werden aufgeworfen, theoretische Ansätze und Schlüsselbegriffe hin und her gewendet oder verblüffende Beobachtungen vermerkt, bis die Umrisse der eigenen Antworten und Konzepte klar hervortreten. Aber auch dann bleibt alles undogmatisch und offen für Einwände.

Intellektuelles Glaubensbekenntnis

Neben manchem Neuem findet der auf unbekannte Dahrendorfiana erpichte Leser eine Reihe bekannter Texte, etwa: „Müssen Revolutionen scheitern“(1990) - ein Schlüsseltext zur damaligen Zeitenwende; „Moral, Institutionen und Bürgergesellschaft“ (1992) - in gewisser Weise, so Dahrendorf, sein „intellektuelles Glaubensbekenntnis; „Zur Kritik des Dritten Weges“ (1999) - eine souveräne Betrachtung zu dem eher wackligen theoretischen Fundament der Neo-Sozialdemokraten des Typs Tony Blair und Gerhard Schröder. Dem Rezensenten gefällt am besten „Die globale Klasse und die neue Ungleichheit“ (2000) - ein leuchtendes Beispiel dafür, dass einem gescheiten Mann zu dem abgedroschenen Thema Globalisierung immer noch etwas Neues einfallen kann.

Man kennt inzwischen zur Genüge Dahrendorfs Vorlieben und Abneigungen. Wer bei ihm nach leicht unwilligen, nur gelegentlich sarkastisch formulierten Unwerturteilen über die in der heutigen westlichen Welt vagabundierenden Idealismen sucht, wird unschwer fündig. So kritisiert er beispielsweise den modischen Kommunitarismus, dieser sei „tatsächlich der neue Kollektivismus“. Und die neuerlich publizierte Idee eines „Kerneuropa“ à la Habermas, das sich um die „weichen“ Werte Europas scharen solle, kommentiert er mit der verächtlichen Anmerkung: „Rousseau statt Hobbes.“ Rousseauistische Intellektuelle sind ihm ähnlich verdächtig wie die auf religiöse Fanatismen abgefahrenen Mullahs.

Das kalte Herz von Markt und Demokratie

Von sich selbst meint er: „Im Grunde bleibe ich ein Individualist“, und bezeichnet Demokratie und Marktwirtschaft als „kalte Projekte, die keinen Anspruch erheben auf die Herzen und Seelen von Menschen“. Deshalb sollte, so glaubt er, die Bürgergesellschaft mit ihrem „kunterbunten Netzwerk freier Assoziationen“ beide ergänzen. Im Grunde ist dieser heute bedeutendste Liberale der westlichen Welt eben nicht nur ein eigenwilliger Schüler Karl Poppers, sondern auch von Burke und Tocqueville, die in den Texten dieses Buches verschiedentlich als Eideshelfer Erwähnung finden.

Die so offenkundige Sympathie für gewachsene politische Einheiten erklärt auch seine altvertraute Skepsis gegen alle, die den Nationalstaat zugunsten einer Art „Vereinigter Staaten von Europa“ gemäß der Vision Walter Hallsteins preisgeben möchten. Es sind drei Haupteinwände gegen das derzeitige europäische Projekt, die Dahrendorf beharrlich recycelt. Es gebe „keinerlei Beispiele für wirksame demokratische Institutionen außerhalb des Nationalstaats“. Das in Brüssel vereinte Europa mit seinen „zutiefst undemokratischen Institutionen“ sei deshalb auf einen falschen Weg geraten. Wie sich diese Kritik mit dem Lob verträgt, das er dem sozialdemokratischen und etatistischen Erfinder von Delors-Europa spendet, ist allerdings Dahrendorfs Geheimnis.

Irrweg des Antiamerikanismus

Sodann habe der entwurzelnde Sturmwind der Globalisierung viele verunsicherte Menschen dazu disponiert, „sich auf Formen des Fundamentalismus einzulassen - sei dieser religiös oder national oder stammesbezogen - und damit Emotionen wachzurufen, die zur Zerstörung liberaler Institutionen führen können“. Wo ist Halt? Der klassische Nationalstaat, meint Dahrendorf, somit auch der Verfassungsstaat des Grundgesetzes, binde derart unruhige Emotionen immer noch am verlässlichsten.

Schließlich sieht Dahrendorf das Projekt Europa auf dem Irrweg des Antiamerikanismus. Ziemlich scharf verwahrt er sich gegen die Aufgeregtheiten linker Intellektueller, die gleichzeitig antikapitalistisch, antinational und antiamerikanisch sind und nunmehr dafür plädieren, dass Europa in Rebellion gegen die amerikanische Hegemonie zu seiner wahren Identität finden solle. Anders Dahrendorf. Für diesen Kosmopoliten ist die freie, durch bunte Vielfalt gekennzeichnete Welt westlicher Verfassungsstaaten, die Amerika mit einschließt, der einzig sinnvolle Bezugskreis. Auch dieser Sammelband lässt also einen Dahrendorf erkennen, der unsere landesüblichen Vorurteile weit hinter sich gelassen hat. Es ist ein Buch für undeutsche und freie Geister.

Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak. C. H. Beck Verlag, München 2004. 350 Seiten, 24,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2004, Nr. 261 / Seite 9
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