23.08.2010 · Beziehungen zwischen der Schweiz und der DDR ab 1960
Nicht nur in Deutschland gibt es offenbar das Phänomen einer gewissen nostalgischen Verklärung der vor 20 Jahren unrühmlich untergegangenen DDR und ihres realsozialistischen Systems. Ähnliches befürchtet Erwin Bischof wohl auch für die Schweiz. Deshalb schildert er ausführlich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der DDR, die er als Unrechtsstaat kennzeichnet; deren totalitäre, stalinistische Züge arbeitet er heraus. Parallel dazu werden die Beziehungen einiger Schweizer Intellektueller oder Politiker kommunistischer und sozialdemokratischer Prägung sowie friedensbewegter protestantischer Theologen in die DDR hinein dargestellt. Ihnen bescheinigt Bischof - ehemaliger Diplomat und Mitglied der Schweizer FDP - im Sinne Lenins die Rolle von "nützlichen Idioten". Das Buch ist weniger ein Geschichtswerk als eine konservativ-liberale Kampfschrift gegen Linke aller Art. Eine wissenschaftliche Darstellung der interessanten offiziellen und inoffiziellen Beziehungen zwischen der Schweiz und dem SED-Staat bleibt ein Desiderat.
Bischofs Quellenbasis ist eher schmal. Für die DDR-Seite standen ihm Dokumente der SAPMO im Bundesarchiv sowie der Stasi-Unterlagenbehörde zur Verfügung, nicht jedoch die Bestände des DDR-Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten (jetzt Teil des Politischen Archivs des Auswärtigen Amtes in Berlin). Auch für die Schweiz konnte er vor allem die bis zuletzt anhaltende Enttäuschung darüber dokumentieren, dass die DDR nicht zur Erfüllung von Entschädigungsforderungen wegen Enteignungen Schweizer Vermögens zu bewegen war. Ansonsten beschäftigt sich Bischof eingehend mit den (wenigen) Kommunisten der Schweiz, die in der "Partei der Arbeit" (PdA) organisiert waren und sogar in Ost-Berlin über eine eigene Sektion für Emigranten verfügten. Ihnen sagt er wohl nicht zu Unrecht nach, "Geld und Geist" seien "aus Ost-Berlin" gekommen. Immerhin kann er glaubhaft machen, dass die SED 1978 der kriselnden Druckerei der Genossen in Genf mit einem zinslosen Darlehn in Höhe von 500 000 Franken beisprang. Dazu zitiert er aus SED-Akten: "Aus unseren schweizerischen und Liechtensteiner Gesellschaften bilden wir eine neue Gesellschaft, die die Aktien in Höhe des gegebenen Darlehens übernimmt." Da wäre noch einiges zu erforschen.
Wie in Westdeutschland gab es auch in der Schweiz zum Teil prominente Schriftsteller und Theologen, die damals die kommunistischen Experimente in der DDR interessant fanden und aus Sorge um den Weltfrieden geneigt waren, der Ideologie und Praxis des Ostblocks mehr Kredit als dem westlichen Kapitalismus zu geben. Zu ihnen zählten die Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, sowie die Theologen Karl Barth und Matthias Thurneysen. Letzterer, politisch zur Schweizer Sozialdemokratie gehörig, leitete in den achtziger Jahren die "Gesellschaft Schweiz - DDR" und organisierte eine Vielzahl von Veranstaltungen politischer und kultureller Art im Sinne der SED-Führung.
Durchschlagende Erfolge blieben allen diesen Bemühungen bei den nüchternen Schweizern letztlich versagt. Vergegenwärtigt man sich, dass die kommunistische PdA bei den jüngsten Wahlen zum Parlament in Bern 0,7% Prozent der abgegebenen Stimmen und damit ein Mandat erreichte, während die Nachfolger ihrer "Bruderpartei" in der DDR heute mit einer kopfstarken Fraktion im Deutschen Bundestag vertreten sind, dann muss man sich wohl mehr Sorgen um DDR-Nostalgie in Deutschland als in der Schweiz machen.
DETLEF KÜHN
Erwin Bischof: Honeckers Handschlag. Beziehungen Schweiz - DDR 1960-1990. Demokratie oder Diktatur. Verlag interforum, Bern 2010. 334 S., 36,- [Euro].