16.05.2006 · Geschichte der Heimkinder in der frühen Bundesrepublik
Der Alltag in der Nachkriegszeit war schwierig für Familien: Viele Väter waren im Krieg gefallen, die Mütter gezwungen, Geld zu verdienen. Ihre Kinder waren früh auf sich alleine gestellt. Nicht immer ging das gut. Dort, wo Kinder "verwahrlosten", schritten die Jugendbehörden ein: Mehr als eine halbe Million deutsche Kinder und Jugendliche waren bis in die siebziger Jahre in etwa 3000 Erziehungsheimen untergebracht, 80 Prozent davon in kirchlicher Hand. Waisenkinder oder straffällig gewordene Jugendliche waren dort nach Peter Wensierskis Angaben in der Minderheit, der Großteil waren Kinder alleinerziehender Mütter und generell unehelich geborene Kinder.
Akribisch schildert der Autor persönliche Schicksale von Mißhandlung, Demütigung und Ausbeutung in deutschen Heimen der Nachkriegszeit. Das Buch ist nichts für zartbesaitete Leser. Seitenweise schnürt die Lektüre einem die Kehle zu: Wensierski gibt wieder, wie Kinder vor Tellern mit erbrochenem Essen sitzen bleiben müssen und gezwungen werden, das Erbrochene aufzuessen. Oder von Strafen, die man auch Folter nennen kann, von grausamsten Prügeln bis zum Untertauchen in mit eiskaltem Wasser gefüllten Badewannen.
Wensierski läßt ehemalige Heimkinder zu Wort kommen, die bis heute traumatisiert sind von den Erlebnissen ihrer Kindheit. Gisela Nurthen ist eine von ihnen. Anfang der sechziger Jahre war sie in einem katholischen Kinderheim. Sie hat zeit ihres Lebens die schrecklichen Erlebnisse nicht überwunden, mehrere gescheiterte Ehen hinter sich und leidet unter Depressionen. Nach Wensierskis Recherchen ist sie nicht allein, Dutzende Berichte hat er zusammengetragen. Aus vielen drastischen und unentschuldbaren Einzelfällen werden jedoch im Handumdrehen "einige hunderttausend Heimzöglinge", die "unter heute unvorstellbaren Bedingungen" aufwuchsen.
Die Recherchen konzentrieren sich auf die Opfer. Gerne wüßte man mehr über die "Täter", die vielen Frauen und Männer, die alles hinter sich gelassen haben, um ihr Leben "Gott zu weihen", und warum gute Vorsätze in Überforderung und Schrecken enden können. Unerwähnt bleibt unter anderem, daß viele Erzieher und Erzieherinnen mit kriegs- und fluchtbedingt komplizierten Lebensläufen über keinerlei pädagogische Ausbildung verfügten. Schwestern, die teilweise einen ganz anderen Berufswunsch hatten, wurden - weil Fachkräfte fehlten - in Kinderheimen eingesetzt. Das entschuldigt nicht, erklärt aber eine gewisse Unmotiviertheit und Überforderung. Dazu kommt, daß die Heimgruppen damals wesentlich größer als heute waren. Nicht selten war ein "Erzieher" oder eine "Erzieherin" allein - rund um die Uhr - für mehr als 30 Kinder verantwortlich. Heute hingegen besteht in Kinderheimen eine Gruppe aus etwa neun Kindern, um die sich bis zu fünf pädagogische Fachkräfte kümmern. Auch die Macht, die größere Gruppen auf ihre Pädagogen ausüben können - heute wie damals -, erwähnt Wensierski nicht. Eine Gruppe von 30 Kindern kann einen Erzieher das Fürchten lehren und dazu bringen, in seiner Not unüberlegt und ungerecht zu handeln.
Völlig unreflektiert bleibt bei dem Autor die Tatsache, daß in der Nachkriegszeit andere Erziehungsmethoden als heute herrschten - in den Familien, den Schulen und eben auch in den Heimen. Schläge gehörten damals zum normalen Schulalltag. Insofern überzeichnet Wensierski einseitig zu Lasten der Kirchen, wenn er die in den Heimen üblichen Strafen zu "Schlägen im Namen des Herrn" programmatisch hochstilisiert. Weil es in sein Bild nicht paßt, daß einige ehemalige Heimkinder auch Jahre später noch freundlichen Kontakt mit ihren Lehrern und Ausbildern haben, erklärt er deren Anhänglichkeit kurzerhand damit, daß die Opfer den Tätern beweisen wollten, daß sie mittlerweile "brav" seien.
Wensierski hat in "Schläge im Namen des Herrn" - wie schon zuvor mit seinen Reportagen über das Thema Heimkinder - schlimme Mißstände aufgedeckt. Wie schon in seinem letzten Buch "Gottes heimliche Kinder", in dem er über Kinder katholischer Priester berichtet, liegt ihm jedoch daran, "die Kirche" als "uneinsichtige Täterin" darzustellen, die sich der Aufklärung widersetzt. Das stimmt aber so nicht. Das Haus der Orden, die katholische Caritas und die evangelische Diakonie geben zu, daß Schlimmes passiert ist, haben sich teilweise öffentlich entschuldigt und rufen dazu auf, die Vergangenheit aufzuarbeiten und den Opfern zu helfen.
ANTONIA VON ALTEN
Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006. 207 S., 19,90 [Euro].