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Neues zum Heß-Flug

02.09.2004 ·  Am 10. Mai 1941 endete die "Mssrs HHHH-Operation"

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Martin Allen: Churchills Friedensfalle. Das Geheimnis des Heß-Flugs 1941. Aus dem Englischen von Olaf Rose. Druffel-Verlag, Stegen/Ammersee 2003. 423 Seiten, 34,80 [Euro].

Als der Fisch endlich an der Angel hing, kamen Hugh Dalton Zweifel. "Was Churchill nun vorgeschlagen hat", so schrieb er am 28. Februar 1941 an Außenminister Anthony Eden, "ist eine wirklich entsetzliche Sache, und ich bin mir sicher, daß es mein Gewissen nicht erlaubt, mich daran zu beteiligen. Ich habe immer auf dem Standpunkt gestanden, daß in diesem Krieg eine unfaire Kriegführung gegen die Hunnen gerechtfertigt ist und daß die ,Mssrs HHHH-Operation', als wir sie übernommen haben, das Ziel hatte, diese Funktion zu erfüllen. Aber ich glaube nicht, daß wir moralisch im Recht sind, sie auch zum vorgeschlagenen Endresultat zu führen."

Was den Chef der "Special Operations Executive" (SOE), der vom britischen Premierminister im Juli 1940 den Auftrag erhalten hatte, den Kontinent durch schwarze Propaganda, Sabotage und Subversion "in Brand" zu setzen, in Gewissenskonflikte stürzte, war das bis heute bestgehütete Geheimnis in Whitehall: ein Unternehmen, das am 10. Mai 1941 mit dem Flug von Rudolf Heß nach Schottland seinen Abschluß fand. An diesem Tage, knapp sechs Wochen vor Beginn des Unternehmens "Barbarossa", schnappte die Falle zu, in die man Hitlers Stellvertreter gelockt hatte.

Daß Heß nicht aus freien Stücken in einem Akt von konfusem Heroismus und als "geflügelter Parzifal" gen Großbritannien flog, sondern einem Komplott der Briten aufsaß, ist der deutschen Forschung seit langem bekannt. Wer freilich die Drähte zog, wer hinter den Kulissen die Regie führte und welche Stellen und Personen damit befaßt waren, war bislang unbekannt. Der britische Historiker Martin Allen kann mit neu erschlossenem Aktenmaterial aus dem Londoner Public Record Office Licht ins Dunkel der Indizienketten bringen. Er führt den dokumentarischen Beweis, daß seit dem Spätherbst 1940 die "Mssrs HHHH-Operation" im Gange war. Im Jargon der SOE stand dieses Codewort für eine Aktion, die sich um Heß, die beiden Haushofers sowie um Lord Douglas Hamilton drehte. Sie begann mit jenem Brief vom 23. September 1940, mit dem Heß über Albrecht Haushofer Kontakt zu diesem ersten schottischen Peer und Lord Steward des Königs aufzunehmen versuchte, um die Möglichkeiten eines Verständigungsfriedens zu sondieren.

Allens Buch kann auch mit einer zweiten Quelle Neues bieten. Nur wenige Stunden vor dem Abflug von Heß in Haunstetten bei Augsburg kamen die Drahtzieher der Operation - Dalton, Eden, Sir Robert Vansittart und Robert Bruce Lockhart - zu einem streng geheimen Treffen in Woburn Abbey zusammen. Dort berieten sie, wie man sich einen Festlandsdegen gegen Deutschland verschaffen könne, um Hitler mit fremder Hilfe niederzuringen. "Wir sollten daher Deutschland ermutigen", so heißt es in dem jetzt von Allen ausgegrabenen Dokument, "Rußland anzugreifen, indem wir es mit dem Gerücht in die Irre führen, daß große politische Fraktionen in Großbritannien . . . bereit seien, einen Kompromißfrieden zwischen England und Deutschland zu erzwingen, um den gemeinsamen Feind, den Bolschewismus, zu vernichten." Von der verabredeten Instrumentalisierung der Affäre Heß - um durch den Aufbau der Drohkulisse eines Ausstiegs Englands aus dem Krieg und die Aufnahme von Scheinverhandlungen mit Heß Druck auf Moskau auszuüben, sich gegen Deutschland zu exponieren - erfährt man in Allens Buch allerdings nichts. Weder ordnet er seine Ergebnisse in den Stand der Forschung ein, noch rezipiert er - wohl auf Grund der Sprachbarriere - die bislang vorliegenden Ergebnisse zum Heß-Flug, die seine Interpretation weiterführen und die er mit seinen neuen Dokumenten erhärtet.

Statt dessen bleibt auch bei Allen eine elementare Frage ungeklärt: Weshalb verhielt sich Heß bei seinem Anflug auf Dungavel, den Landsitz Hamiltons, nicht strategiekonform, so daß er von einer Landung Abstand nahm und sich mit dem Fallschirm aus der Maschine herauskatapultierte? Wenn, wie Allen belegt, eine Geheimdienstoperation im Gange war, warum mißlang ihr wichtigster Teil: den Piloten rasch in Gewahrsam zu bringen und das Chaos der ersten Stunden zu verhindern, als Heß von dem schottischen Bauern David MacLean und der Home Guard festgesetzt wurde? Allens durchgehende und mit allerlei wenig quellenkritischen Hinweisen gewürzte Annahme, daß Hitler hinter dem Heßschen Unternehmen steckte, kann nicht überzeugen. Natürlich wollte Hitler Frieden mit England zu seinen Bedingungen. Aber im Frühjahr 1941 hatte er sich längst dafür entschieden, der widerborstigen Insel nicht mehr mit Angeboten seinen Willen aufzuzwingen, sondern ihr mit der Zertrümmerung der Sowjetunion den letzten möglichen Alliierten auf dem Kontinent zu nehmen. Ein "Friedensbote" Heß war in diesem Drehbuch nicht vorgesehen, ja ein solcher mußte - darauf deutet alles hin - kontraproduktiv wirken.

Die mit teilweise wenig analytischer Stringenz vorgetragene Interpretation bietet denn auch weniger eine bahnbrechende neue Deutung an. Ihr Wert liegt vielmehr in den im Anhang faksimiliert abgedruckten neuen Dokumenten, die den Forschungsstand untermauern und weiterführen. Darüber versäumt Allen jedoch, diese in den Kontext der Kriegslage einzubinden, die Motive für das Heßsche Unternehmen aufzuhellen und die Fragen zu markieren, die trotz allen Spürsinns offenbleiben.

RAINER F. SCHMIDT

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2004, Nr. 204 / Seite 7
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