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Modernes Antiquariat Robert Jungks Kritik am „Atomstaat“

Robert Jungk gehörte zu den frühen und harten Kritikern der Atomkraft. Seine Fundamentalkritik „Atomstaat“ erschien 1977. Unter dem Titel „Wie müssen die Kernkraft-Bürger beschaffen sein?“ erschien am 8. Februar 1978 eine Besprechung in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

© dapd Vergrößern Robert Jungk prägte mit seinem Buch „Atomstaat” von 1977 die Kritik an der Kernkraft. Das Bild entstand im November 2010 in Gorleben.

In den Kernkraftwerken dokumentiere sich das Genie unserer Zeit genauso wie das des Mittelalters in den großen Kathedralen. Wolf Häfele, Prophet der Kernenergie, der diesen Vergleich liebt, setzt die Konstrukteure unserer Atomanlagen dementsprechend den Erbauern der Kathedralen gleich. Für Robert Jungk dagegen sind sie die Wegbereiter der vollständigen Unterwerfung des Menschen unter die Allmacht der Techniker und des Staates. In seinem neuen Buch „Der Atomstaat“ bezieht er kompromißlos Stellung gegen die Verkünder einer alleinseligmachenden und ewiges Wirtschaftswachstum verheißenden Kernenergie. Er hat sein Buch, wie er selber sagt, „in Angst und Zorn geschrieben. In Angst um den drohenden Verlust der Freiheit und Menschlichkeit, in Zorn gegen jene, die bereit sind, diese höchsten Güter für Gewinn und Konsum aufzugeben“. Wenn er dabei übersteigert, tut er nichts anderes als die Gegenseite, wenn sie die Risiken der Kernenergie bagatellisiert und ihre Beherrschbarkeit überschätzt. Die Einseitigkeiten und Übersteigerungen in Jungks Sicht mindern nicht das Gewicht seines leidenschaftlichen Aufrufs zur Wachsamkeit gegenüber den von der Kernenergie ausgehenden Gefahren.

Es ist nützlich, Jungks Buch zu lesen, weil es mit vielen Realitäten der Atomtechnik und ihrer Entwicklung vertraut macht, über die man sonst wenig erfährt. Das gilt für die Verhältnisse in Wiederaufarbeitungsanlagen, wie La Hague in Frankreich, für die Mängel der Rasmussen-Studie über die Sicherheit des Leichtwasserreaktors, für den Schutz von Kernkraftwerken und die Behinderung der freien Information, für die Schwächen im nationalen Kontrollsystem der Nonproliferation der Atomwaffen und vieles mehr.

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Wesentliches Merkmal der Kerntechnik sind Sachzwänge. Zwänge gibt es allenthalben in der technischen Zivilisation. Aber in der atomaren Technik sind sie wegen des enormen Gefahrenrisikos im Katastrophenfall potenziert. Das vollautomatisierte Kernkraftwerk, das sich selbst instand hält und repariert, wird es nie geben. Das hohe Strahlenrisiko erzwingt ein bis ins letzte reguliertes Verhalten des Menschen. Elitemannschaften, so meint Weinberg, sollten deshalb über die genaueste Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften wachen. Aber Jungk bezweifelt mit Recht, daß es gelingen, könnte, einen Menschentyp zu schaffen, der so sicher ist, wie seine gefährlichen Apparate das verlangen: absolut zuverlässig, wachsam, unermüdlich, gefühllos - eben wie Automaten.

Sorgfältige Auswahl ist unerläßlich. Das heißt Kontrolle der Persönlichkeit. Das bedeutet allgegenwärtige Überwachung durch staatliche Organe. Aber das gilt nicht nur für die in der Kerntechnik Tätigen, sondern für alle Bürger, denn die nötige Vorbeugung gegen den Terrorismus, die „schrecklichste atomare Bedrohung“, erzwingt auch deren Überwachung. Nicht nur der terroristische Überfall auf einen Transport, schon das Fehlen von einigen Kilogramm Plutonium und erst recht ein ernsthafter „nuklearer Zwischenfall“ würde für ganze Regionen eine „Mobilmachung der Polizei und Streitkräfte nach sich ziehen, wie sie bisher nur in revolutionären Staaten angeordnet wurde“. So sehen es Planungen in Amerika vor. Die Sicherungsmaßnahmen schlössen unvermeidlich Einschränkungen oder Verletzungen der Rechte zum Schutz des Bürgers und semer Privatsphäre ein, wie auf einer von der amerikanischen Atomenergiebehörde NRC einberufenen Juristentagung an der Stanford-Universität im Oktober 1975 dargelegt wurde. Die Gefährlichkeit der Kernenergie werde zudem, so folgert Jungk, dazu dienen, die „zunehmende Überwachung, der Bürger durch den technokratischen Staat vom Odium der Willkür zu befreien“.

Zwänge gibt es auch bei den Konstrukteuren der Kernkraftwerke. Technische Systeme können nicht auf dem Papier erprobt werden. Der Ingenieur muß schon bei der Planung „Resultate rechtfertigen, die eigentlich noch gar nicht abzusehen sind“, um die Mittel zu bekommen, sein Projekt zu realisieren. Hat er sie, dann steht er unter ständigem Erfolgszwang. Das hat den „verwegenen Forschungsstil“ gefördert, der auf die „nachträgliche Bestätigung seine theoretischen Erwartungen setzt und der nicht dem Zweifel und der Erkenntnis verpflichtet ist, sondern der Spekulation und ihrer Bestätigung“. Dieser Erfolgszwang schließt auch eine freie Information der Öffentlichkeit über kritische Ergebnisse aus, weil sie das Projekt gefährden könnten.

Jungks Buch wird vielen ein großes Ärgernis sein. Aber es ist ein notwendiges Buch, und es wird seinen Zweck erfüllen, „die Auseinandersetzung um eine der bedeutsamsten Zukunftsentscheidungen der Menschheit zu vertiefen“. Es wäre unverantwortlich, die von Jungk beschworenen politischen Risiken der Kernenergie zu unterschätzen - auch wenn man nicht davon überzeugt ist, daß der „Atomstaat“ deren unvermeidliche Konsequenz sein wird. Eine Dauerlösung für die Energienöte der Menschheit sollte die Kernenergie wegen ihrer bleibenden Risiken allerdings nicht sein.

Robert Jungk: „Der Atomstaat“. Kindler Verlag, München 1977, 244 Seiten. 19,80 DM. (Im Antiquariat kostet das Buch zwischen 3 bis 12 Euro; vom Autor signierte Exemplare können mehr als 40 Euro kosten. Eine Neuauflage erschien 1991 im Herne-Verlag.)

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 15.03.2011, 12:45 Uhr