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Moderner Vernichtungskrieg

07.12.2009 ·  Sozialgeschichtliche Analyse des italienischen Faschismus

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Die italienische Faschismusforschung hat seit langem weitgehend den Anschluss an die internationale Zeitgeschichtsforschung in den angelsächsischen Ländern, aber auch in Frankreich und Deutschland verloren. In methodischer Hinsicht pflegt sie über alle politischen Konflikte hinweg vorwiegend einen Hyperpositivismus, der zwar zu dickleibigen, aber wenig strukturierten Büchern führt. Man reibt sich deshalb die Augen, wenn man das Buch der in Bologna lehrenden Historikerin Patrizia Dogliani in die Hand bekommt. In einem konzentrierten Stil geschrieben, hochreflektiert in der Analyse und durchweg systematisch angelegt, liefert es die erste sozialgeschichtliche Gesamtanalyse des italienischen Faschismus. Wenn irgendeine zeithistorische Untersuchung in das Deutsche übersetzt werden sollte, dann diese.

Frau Dogliani räumt nicht nur in der italienischen Faschismusforschung mit zahlreichen Mythen auf, sondern stellt unbeabsichtigt auch manche liebgewonnenen Vorurteile der Forschung über den Nationalsozialismus in Frage. Für sie steht etwa fest, dass der erste moderne Vernichtungskrieg nicht 1939 in Polen, sondern schon 1935 in Abessinien stattfand. Nicht die NSDAP, sondern der Partito Nazionale Fascista (PNF) hatte nach ihrer überzeugenden Berechnung den höchsten Organisationsgrad aller Parteien außerhalb der Sowjetunion. Auf dem Höhepunkt war über die Hälfte der italienischen Bevölkerung in der Partei organisiert. Nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland, sondern auch in Mussolinis Italien fand, wie die Verfasserin darstellt, eine aktive eugenische Politik statt. Und es gab für Frau Dogliani einen "italienischen Weg zum Rassismus", der teilweise durchaus einen biologischen Charakter hatte.

Im Zentrum des Interesses der Verfasserin steht der PNF mit seinen Nebenorganisationen. Anders als die bisherige Forschung begnügt sie sich nicht mit der Beschreibung der politischen Hybridstruktur der Einheitspartei, sondern analysiert die soziale Qualität ihrer Mitglieder. Ihre wichtigste Erkenntnis ist, dass der Faschismus nicht nur in seinem Ursprung eine politische Jugendbewegung war, sondern dies bis zu seinem Ende geblieben ist. Dazu trug vor allem bei, dass es dem Regime gelang, die Jugend vom 6. bis zum 21. Lebensjahr zu organisieren und politisch zu indoktrinieren. In den dreißiger Jahren kam so auf breiter Front "eine neue Generation" in die Führungspositionen des PNF. Der von Mussolini 1941 zum Generalsekretär der Partei berufene Vidussoni war beispielsweise erst 27 Jahre alt. Wichtig ist auch, dass die neuen Führungskader des PNF fast alle eine akademische Ausbildung hatten. Die spezifisch faschistische Kaderbildung über die Gruppi Universitari Fascisti (GUF) war insofern bemerkenswert erfolgreich.

Frau Dogliani bestätigt, dass sich der PNF als reine Männerpartei verstand, die den Frauen ideologisch nur eine "reine Aushilfs- und Subalternfunktion" zugestand. Überraschend ist jedoch , welch einen hohen Organisationsgrad die Fasci Femminili gleichwohl hatten. Besonders die faschistische Landfrauenbewegung der Massaie Rurali hatte nach der Erkenntnis Doglianis eine deutlich emanzipatorische Wirkung. Die Verfasserin spricht daher von einem fundamentalen Widerspruch zwischen faschistischer Ideologie und sozialer Realität.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt sie bei ihrer Darstellung der über die Partei hinausgehenden "Faschisierung der Massen". Vor allem die faschistischen Vorzeigeprojekte der Landgewinnung, der sogenannten Bonifica, hatten für die Betroffenen höchst widersprüchliche Ergebnisse. Sehr viel erfolgreicher waren dagegen für die Faschisierung der Bevölkerung, wie die Verfasserin darstellt, der Sport und die populäre Massenkultur. Italien präsentierte sich zumindest zwischen 1929 und 1935 als die in Europa erfolgreichste Sportnation. Die vom faschistischen Regime in den dreißiger Jahren in Rom aufgebaute Cinecittà entwickelte sich in kurzer Zeit zum größten europäischen Zentrum der Filmproduktion. Auch die bildenden Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler wurden vom Regime erfolgreich in den Dienst genommen, wobei Dogliani nebenbei auch die weitverbreitete Ansicht widerlegt, sie hätten für ihre Entfaltung mit großer Toleranz des Regimes rechnen können. Es war vielmehr ein hoher Grad von vorauseilendem Gehorsam, der den Intellektuellen im faschistischen Italien gewisse Freiräume verschaffte. Als 1931 von den Universitätsprofessoren ein Treueeid auf das faschistische Regime verlangt wurde, lehnten diesen nur 12 von über 1200 ab.

Auch bei der Analyse der faschistischen Rassenpolitik kommt Frau Dogliani schließlich zu einem bemerkenswerten Ergebnis. Anders als bisher üblich führt sie diese nicht allein auf Mussolini persönlich zurück, sondern weist nach, dass sie ausnahmslos von der gesamten faschistischen Führungselite getragen wurde. Auch wenn das faschistische Regime bis 1943 gegenüber der jüdischen Bevölkerung keine Vernichtungspolitik betrieb, sieht Patrizia Dogliani es - in Übereinstimmung mit jüngeren italienischen Historikern meist jüdischer Herkunft - doch auf dem Wege zu einer sich immer weiter verschärfenden Praxis: "Es ist deshalb nötig, die historische Demarkationslinie, die bis vor kurzem zwischen der Periode der Diskriminierung der italienischen Juden und der in der Periode der deutschen Besatzung auf der Halbinsel begonnenen Verfolgung gezogen wurde, zu überschreiten."

WOLFGANG SCHIEDER

Patrizia Dogliani: Il fascismo degli italiani. Una storia sociale. UTET Libreria, Torino 2008. 372 S., 23,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2009, Nr. 284 / Seite 8
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