Felicitas Becker/Jigal Beez (Herausgeber): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907. Ch. Links Verlag, Berlin 2005. 235 Seiten, 22,90 [Euro].
Alles begann damit, daß im Juli 1905 eine Frau und zwei Männer Baumwollpflanzen in der Kolonie Deutsch-Ostafrika aus einer Plantage ausrissen und damit ihren Unmut über die Steuerpolitik des Gouverneurs zum Ausdruck brachten. Dieser gleichermaßen verzweifelte wie symbolische Widerstandsakt bildete den Auftakt des Maji-Maji-Krieges. In siebzehn Beiträgen gehen Historiker, Ethnologen und Afrikanisten Ursachen, Verlauf und Folgen dieses heute kaum noch bekannten deutschen Kolonialkrieges nach.
Schon vor dem Maji-Maji-Krieg war die Region keineswegs friedlich gewesen. Allein zwischen 1891 und 1897 wurden 61 größere Unterwerfungsfeldzüge geführt, und militärisch mußte das zwischen 1884 und 1891 durch zweifelhafte Verträge "erworbene" Deutsch-Ostafrika - wie die anderen deutschen Kolonien auch - ständig unter Druck gehalten werden. Von einer friedlichen Entwicklung des "Schutzgebietes" konnte keine Rede sei. Als dann 1905 unter Gouverneur Gustav Adolf Graf von Götzen eine neue Steuerverordnung in Kraft trat, welche die bis dahin geltende Hüttensteuer in eine Kopfsteuer umwandelte (was faktisch einer Vervierfachung der Steuerlast gleichkam), und die Bevölkerung gleichzeitig zu zusätzlicher unentgeltlicher Zwangsarbeit beim Straßenbau und auf den Baumwollplantagen verpflichtet wurde, entlud sich der über Jahre angestaute Zorn in einer großen Erhebung, an der sich schließlich gut zwanzig verschiedene Völker im Süden Deutsch-Ostafrikas - mit zum Teil sehr unterschiedlichen Interessen - beteiligten.
Geeinigt und vorangetrieben wurden die Kämpfer durch ihren Glauben an eine einzigartige Kriegsmedizin, den ein Wunderheiler namens Kinjikitile weit verbreitete. Ein angeblich magisches Wasser, auf Swahili "Maji", das Unverwundbarkeit gegen die Kugeln der deutschen Soldaten versprach, trieb die Aufständischen in Scharen in das Maschinengewehrfeuer der zahlenmäßig weit unterlegenen Deutschen, die auch Zweckbündnisse mit Sklavenhändlern nicht scheuten, um der Situation wieder Herr zu werden. Dazu wurden nach der "Strategie der verbrannten Erde" Felder und Vorräte in den Aufstandsgebieten systematisch vernichtet, bis ganze Landstriche entvölkert, Dörfer verwüstet und die traditionellen Handelsrouten zerstört waren. Das Ergebnis war eine humanitäre Katastrophe: Bis 1907 sollen nach neuen Schätzungen der Autoren bis zu 180000 Afrikaner ums Leben gekommen sein, deutlich mehr als während des Herero-Nama-Krieges in Deutsch-Südwestafrika (1904-1907). Auf deutscher Seite waren dagegen 15 Weiße und 389 afrikanische Hilfskrieger (sogenannte Askari) gefallen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges sollte sich die Landwirtschaft der Kolonie von den Folgen der Verwüstungen nicht mehr richtig erholen. Noch heute liegt das ehemalige Kriegsgebiet in Südtansania bei einigen Entwicklungsindikatoren - etwa dem Zugang zu sauberem Wasser, zu Krankenhäusern und Schulen - deutlich zurück.
Warum die Ereignisse im damaligen Deutsch-Ostafrika dennoch weitgehend in Vergessenheit geraten sind, liegt unter anderem daran, daß schon die zeitgenössische Propaganda alles daransetzte, kriegerische Auseinandersetzungen wie den Maji-Maji-Krieg in ihrer Bedeutung herunterzuspielen. Die deutsche Öffentlichkeit sowie der für den Kolonialetat zuständige Reichstag, die seit den Kolonialskandalen der Jahrhundertwende und dem Boxerkrieg in China sehr sensibel reagierten, sollten bewußt über die tatsächliche Lage desorientiert werden. Auch in der postkolonialen Ära hatte man verständlicherweise wenig Interesse, an militärische Konflikte zu erinnern; galt es doch gerade, das im Versailler Vertrag ausgesprochene Urteil zu widerlegen, die Deutschen seien in der Verwaltung ihrer Kolonien auch moralisch gescheitert. Die Memoiren der ehemaligen Kolonialbeamten in den zwanziger und dreißiger Jahren, allen voran des letzten Gouverneurs Heinrich Schnee, pflegten zudem den Mythos der sauber und fair kämpfenden Schutztruppe. Im späteren britischen Mandatsgebiet Tanganyika dagegen prägte sich die Erinnerung an den Maji-Maji-Krieg tief in das kollektive Bewußtsein ein und avancierte zu einer Art nationaler Gründungsmythos im Kampf um die Unabhängigkeit, die das Land 1961 erreichte. Eine offizielle deutsche Entschuldigung steht nach wie vor aus.
Der Sammelband, für Laien verständlich und Wissenschaftler ergiebig, zeichnet ein differenziertes Bild der Ereignisse und zeigt darüber hinaus, wie fruchtbar es sein kann, Perspektiven und Arbeitsweisen mehrerer Wissenschaftsdisziplinen in einem Projekt zu koordinieren. So erscheinen die Handlungen sowohl der Kolonialherren als auch der afrikanischen Völker in einem neuen Licht.
RALPH ERBAR