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Mit dem Boot in die Freiheit

03.07.2009 ·  Wie Soldaten der DDR-Volksmarine die Flucht planten

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Das rigorose Grenzregime der DDR hatte im Norden einen geographisch bedingten Schwachpunkt: die Ostsee. Dies erkannten junge, unzufriedene Soldaten der DDR-Volksmarine und planten ihre Flucht über See. Sie wollten ihre Einheiten gewaltsam übernehmen, um damit in den Westen zu gelangen. Diese Fluchtversuche werden in einem Sachbuch beschrieben, dessen Autor, Jahrgang 1949, als junger Offizier im August 1973 Leitender Ingenieur eines kleinen U-Jagdbootes war. Nach Rückkehr aus dem Urlaub erfuhr er, dass die geplante Flucht von fünf Besatzungsangehörigen seines Bootes durch das Eingreifen der Stasi vereitelt worden war. Konfrontiert mit der Information, dass diese Gruppe sogar bereit gewesen sein soll, notfalls die Offiziere des Bootes zu erschießen, wollte er von seinen Vorgesetzten mehr Details erfahren. Doch er erhielt nur die strikte Aufforderung, jegliche Nachforschungen einzustellen. So entstand bei ihm ein erstes Misstrauen gegenüber dem System.

Erst nach der Wende erfuhr Ingo Pfeiffer, wie die Krake Stasi mit ihren Fangarmen auf Einheiten der Volksmarine meist ohne Wissen der Kommandanten präsent war, um jede Planung eines Fluchtversuches erfassen und im Keim ersticken zu können. Die Auswertung der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit über die Vereitelung und Untersuchung der Fluchtversuche in der Volksmarine bildet die Grundlage für den über weite Strecken autobiographisch geprägten Tatsachenbericht, aus dem der Leser auch viel über den Bordbetrieb in der Volksmarine erfährt. Nach einer knappen Analyse der Strukturen und Aufgaben verschiedener Abteilungen der Stasi, die sich mit der Volksmarine beschäftigten, werden zehn Fluchtversuche beschrieben, von denen nur zwei glückten.

Die spektakulärste Flucht geschah im August 1961, elf Tage nach dem Mauerbau, als es drei Matrosen an Bord eines Küstenschutzbootes gelang, die Brückenwache mit Waffen in Schach zu halten, die übrige Besatzung einzuschließen und mit dem Boot in Travemünde einzulaufen. Erst dann konnte die Restbesatzung sich befreien und das Boot ohne die geflohenen Matrosen nach Wismar zurückführen. Die Stasi betrieb daraufhin eine aufwendige Untersuchung und versuchte noch über viele Jahre hinweg, die Flüchtlinge zur Rückkehr in die DDR zu bewegen. Im August 1979 kam es an Bord eines Minensuchbootes zu einem regelrechten Feuergefecht zwischen einem Obermaat und Offizieren, denen es erst kurz vor den Territorialgewässern der Bundesrepublik gelang, das Boot wieder in ihre Gewalt zu bekommen. Der verwundete Obermaat wurde von einem Militärgericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

In der Bewertung der Fluchtversuche schwankt der Autor zwischen Verständnis für die Motive und Verurteilung der Methoden, das heißt des Waffengebrauchs. Wie bei anderen Publikationen von Autoren mit NVA-Prägung ist der Text keine leichte Lektüre. Terminologie und Diktion der DDR-Militärsprache sind nach wie vor gewöhnungsbedürftig; die Flut der weitgehend fremden Abkürzungen kommt erschwerend hinzu. Im knappen Literaturverzeichnis sucht man vergebens nach grundlegenden Arbeiten zur Militärgeschichte der DDR, die seit 1990 erschienen sind, auch zum Thema Fahnenflucht. Der Text wird durch zahlreiche Bilder der betroffenen Einheiten und Schiffstypen illustriert. Ein Personenregister wäre hilfreich gewesen. Doch bei allen Schwächen ist das Buch ein weiterer Baustein für die Aufarbeitung der Stasi-Strukturen in der NVA.

WERNER RAHN

Ingo Pfeiffer: Fahnenflucht zur See. Die Volksmarine im Visier des MfS. Kai Homilius Verlag, Berlin 2009. 200 S., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2009, Nr. 151 / Seite 9
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