Als der sowjetische Parteichef Viktor Tschernenko im Frühjahr 1985 starb, ahnte wohl niemand, dass sein Nachfolger die Welt verändern würde. Denn Michail Gorbatschow war nichts weiter als ein Verlegenheitskandidat, weil kein anderes Mitglied des Politbüros für das Amt des Generalsekretärs noch in Frage gekommen wäre. Niemand erwartete, was dann geschah: Die Herrschaft der Gerontokratie zerfiel, die Diktatur zerbrach, und am Ende des Jahres 1991 gab es auch die Sowjetunion nicht mehr. Wie konnte es geschehen, dass in nur wenigen Jahren zerfiel, was in Jahrzehnten errichtet worden war? György Dalos gibt darauf eine einfache und klare Antwort. Weil sich die Sowjetunion in einer Krise befunden habe und Gorbatschow der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt gewesen sei, um aus Vorstellungen Taten werden zu lassen.
Gorbatschow kam nicht als Reformer zur Welt. Aber er war aus anderem Holz geschnitzt als die Greise, die ihn zum Generalsekretär gemacht hatten. Nur er allein wagte es, beim Namen zu nennen, was viele empfanden, aber nicht aussprachen. Wie konnte es geschehen, dass das Regime die beste aller Welten verhieß, aber nur den alltäglichen Mangel verwaltete?
Diesen Widerspruch empfand nicht nur Gorbatschow als tiefe politische Legitimationskrise. Wer das sowjetische System retten wolle, so lautete seine Diagnose, müsse der Wirklichkeit ins Auge sehen. Die fetten Jahre waren vorüber, die Sowjetunion war gegenüber den westlichen Ländern in einen ökonomischen und militärischen Rückstand geraten, den sie nicht mehr aufholen konnte. Warum sollte ihre Regierung einen Rüstungswettlauf bestreiten, den sie nicht gewinnen konnte, warum die Ökonomie der sozialistischen Bruderländer subventionieren und Krieg in Afghanistan führen, wenn dabei nichts zu gewinnen war?
Es gab einen unausgesprochenen Konsens zwischen dem Regime und der Bevölkerung: dass nämlich die einen für das Wohlergehen zu sorgen und die anderen zu gehorchen hatten. Dieser Konsens war in Gefahr - und Gorbatschow versuchte ihn wiederherzustellen, indem er sich und seiner Umgebung einredete, der Grund allen Übels sei das politische System der Sowjetunion.
Dalos beschreibt ihn als einen Mann, der aus Überzeugung handelte und der bereit war, die Konsequenzen zu tragen, die sich aus solchen Überzeugungen für ihn ergeben mussten. Wahrscheinlich nahmen die Menschen in der Sowjetunion überhaupt nicht wahr, dass sie sich in einer Krise befanden. Gorbatschow aber empfand das Geschehen in der politischen und sozialen Welt als Krise, und er war entschlossen, sie auf seine Weise zu beheben.
Gorbatschow aber war ein Generalsekretär ohne Öffentlichkeit, er konnte nichts tun ohne die Zustimmung jenes Milieus, das er verändern wollte. Deshalb hatte er keine andere Wahl als durch den geschickten Einsatz unabhängiger Medien eine Unterstützung für seine Vorhaben zu mobilisieren, die er in der Parteiführung nicht mehr gewinnen konnte. Dalos spricht von der Herstellung eines polarisierenden Kräftefeldes, das Gorbatschow die Möglichkeit gegeben habe, Gegenmeinungen zu erzeugen. Gorbatschows Reformen stießen anfangs auf großen Zuspruch. Die Rehabilitierung von Opfern des Stalinismus, die Aufhebung der Zensur und die Gewährung von Meinungsfreiheit: das alles machte den Generalsekretär zum Hoffnungsträger, nicht nur im Ausland, sondern auch in der Sowjetunion.
Gesellschaft entstand also als staatliche Veranstaltung, und bald schon emanzipierte sie sich vom Staat, der sie geschaffen hatte. Gorbatschow konnte, was er ins Werk gesetzt hatte, nicht mehr unter Kontrolle halten. Denn in der Öffentlichkeit wurden jetzt auch alle Defizite beim Namen genannt: die unzureichende Information über das Reaktorunglück in Tschernobyl, das Erdbeben in Armenien, die interethnischen Konflikte im Kaukasus, die Verbrechen von Mafiabanden und die katastrophale wirtschaftliche Situation. Jedermann konnte nun erfahren, dass die Sowjetunion eine Mangelgesellschaft war und es auch bleiben würde, weil ihre Führer scheinbar nichts unternahmen, um Mangel in Überfluss zu verwandeln.
Die Verhältnisse kehrten sich gegen ihren Urheber. Denn nun konnten auch die Gegner der Perestroika Kritik üben und Widerstand mobilisieren. Als im Jahr 1989 die ersten halbwegs freien Wahlen abgehalten wurden, begann der Stern des Generalsekretärs bereits zu sinken. Weder im Zentrum noch in den Republiken konnte er auf Unterstützung noch hoffen, weil auch die Kommunisten erkannt hatten, dass sie politisch nur überleben konnten, wenn sie sich in den Dienst des Separatismus stellten.
Gorbatschow wusste, das er ein Präsident ohne Macht sein würde, wenn er die Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei aufs Spiel setzte. Und dennoch brachte er zu Ende, was er 1987 begonnen hatte. Irgendwann hatte er entschieden, daran lässt Dalos keinen Zweifel, dass die Gewalt nie wieder sprechen sollte, wenn Machtfragen entschieden werden mussten. Dalos erzählt vom Besuch Gorbatschows in Bukarest und von der Verachtung, die er für den rumänischen Diktator und dessen Gewaltherrschaft empfunden habe. Über den organisierten Jubel, den Ceausescu für seinen Gast aufbot, soll Gorbatschow empört gewesen sein. Niemals zuvor habe er eine solche „Erniedrigung des Volkes“ erleben müssen. Auch Kadar und Honecker erfuhren, dass die Sowjetunion sich für sie nicht mehr verwenden würde.
Gorbatschow hatte sich mit der Souveränität der osteuropäischen Staaten abgefunden, und er nahm hin, dass auch die Republiken der Sowjetunion eine solche Souveränität für sich beanspruchten. Gorbatschow, schreibt Dalos, war am Ende ein Präsident ohne Land, ein Mann ohne Unterstützung, im Westen hoch geachtet, daheim jedoch unbeliebt und verhasst. „Was brachte uns die Glasnost? Wahrheit, Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, so klagten die Enttäuschten, die geglaubt hatten, das Ende des Sozialismus werde der Anfang des Paradieses sein.
Im Herbst 1989 empfing Gorbatschow eine Abordnung von streikenden Bergarbeitern in Moskau. Er konnte nichts für sie tun, und dennoch empfanden die Arbeiter, dass sich auch in ihrem Leben etwas zum Besseren verändert hatte. „Zum ersten Mal fühlten wir uns nicht als graue Masse, sondern als Menschen. Nicht als Sklaven, sondern als Persönlichkeiten.“ Vielleicht wird man in Russland eines Tages, wenn die Wut über das Ende des Imperiums verflogen ist, anerkennen, welch große zivilisatorische Leistung Michail Gorbatschow vollbracht hat. György Dalos hat ihr mit seinem wunderbaren Buch ein würdiges Denkmal gesetzt.
György Dalos: Gorbatschow. Mensch und Macht. Verlag C. H. Beck, München 2011. 288 Seiten, 19,95 Euro.