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Dienstag, 18. Juni 2013
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Mehr Jobs sind möglich

 ·  Wie Carl-Ludwig Holtfrerich Deutschland voranbringen will

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Carl-Ludwig Holtfrerich verlangt ein radikales Umdenken. Den Politikern mangele es an Fachkompetenz: "Gott sei Dank ist noch kein Kanzler der Bundesrepublik auf die Idee gekommen, das Justizressort mit einem Nichtjuristen zu besetzen. Aber ausgerechnet die nicht weniger komplizierten Ressorts Wirtschaft und Finanzen wurden während der Schröder-Regierung einem Journalisten und einem Deutschlehrer anvertraut, in der Merkel-Regierung das Wirtschaftsressort einem Müllermeister." Über die eigene Zunft mag man nicht urteilen, aber Deutschlehrer und Müllermeister, ist das so schlecht?

Der Autor ist Ordinarius für Wirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der Freien Universität Berlin. Er versteht sein vehementes Plädoyer für mehr Arbeitsplätze in Deutschland als Streitschrift wider inkompetente Politiker und Kollegen, aber auch als Anklage gegen Bundesbank und Europäische Zentralbank (EZB). Darüber hinaus ist es eine Philippika gegen liebgewordene, aber nach Ansicht des Autors falsche Dogmen in Politik und Wissenschaft. Sein zentrales Anliegen: Es muss gelingen, mehr Jobs in Deutschland zu schaffen, weil wir sonst Gefahr laufen, im globalen Wettbewerb hoffnungslos zurückzufallen. Und es kann auch gelingen, wenn endlich die richtigen Entscheidungen getroffen werden, sprich: wenn dem alles überragenden Ziel des Wirtschaftswachstums mittels deutlich mehr Investitionen hierzulande endlich von allen Verantwortlichen absolute Priorität eingeräumt wird.

Wie es sich für eine Streitschrift gehört, fallen mitunter kräftige Worte; überwiegend ist das Buch aber doch ein auf hohem Niveau geführter Diskurs über die richtigen Wege und Werte in der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Das setzt voraus, dass man zunächst Versäumnisse der Vergangenheit klar erkennt, um gleiche Fehler künftig zu vermeiden. So kritisiert er an Hans Eichels Steuerreform, dass seinerzeit zwar der Spitzensteuersatz gesenkt, gleichzeitig aber auch die Abschreibungsmöglichkeiten derart verschlechtert wurden, dass per saldo nur ein "Bruchteil" an Gewinn heraussprang. Über den Koalitionsvertrag der großen Koalition vom Herbst 2005 mit seinen "Steuererhöhungsvorschlägen" bemerkt er böse, dass dieser nichts anderes als ein - juristisch gesprochen - "Vertrag zulasten Dritter" sei, "nach dem BGB übrigens unzulässig und unwirksam. Aber Politiker stellen sich nicht nur über die Gesetze der Marktwirtschaft, sondern auch über die rechtlichen Regeln, die für Privatpersonen gelten."

In Erinnerung ist, dass Helmut Schmidt schon zu seinen Amtszeiten mehrfach ziemlich unverblümt die amerikanische Politik eines Defizits der US-Leistungsbilanz kritisiert hatte. Leistungsbilanzüberschüsse, so jedoch Holtfrerich sehr dezidiert, bedeuten Wohlfahrtsverluste; Leistungsbilanzdefizite hingegen seien Import von Wohlstand. Den Vorwurf, das nicht zu sehen, müssten sich Bundesbank und vor allem die EZB gleichermaßen gefallen lassen. Während die Vereinigten Staaten durchweg ein Preisstabilitätsziel von drei Prozent akzeptierten, sehe man in Frankfurt schon bei zwei Prozent das Inflationsgespenst und würge folglich jeden kleinsten Aufschwung mittels höherer Zinsbelastung gleich wieder ab. Dass vielleicht historische Erfahrungen nach zwei Weltkriegen die Europäer viel sensibler gemacht haben als die Amerikaner, würdigt Holtfrerich in diesem Zusammenhang nicht.

Nach so viel Kritik ist der Leser voller Erwartung, nun endlich den Stein der Weisen gereicht zu bekommen. Die Hälfte des Buches handelt auch um die "Lösung", aber ohne dass man nun direkt enttäuscht würde, muss man doch sagen, dass auch der Weise letztlich nur mit Wasser kocht. Die Grundthese ist, dass der Staat in Zeiten eines Konjunkturabschwungs seine Ausgaben für die Zukunft erhöhen muss, wodurch er zum Wachstum des Real- und Humankapitals der Wirtschaft beiträgt. Und Aufgaben der Banken, vor allem der EZB, sei es, in ihrer Geldpolitik nicht die Gesamtinflationsrate, sondern die sogenannte Kerninflationsrate (bei der Ölpreissteigerungen unberücksichtigt bleiben) zum Kriterium zu machen und generell wie in den Vereinigten Staaten eine Politik der Zinssteuerung und nicht der Geldmengensteuerung zu betreiben. Da die binnenwirtschaftliche Konsumnachfrage zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ausmacht, steht die Ankurbelung der Binnennachfrage vor einem blühenden Export.

Die Gewerkschaften werden Holtfrerichs Appell zur Lohnzurückhaltung nicht gerne hören ("Wer eine hohe Lohnquote anstrebt, sehnt sich im Grunde nach einer Wirtschaftskrise"). Auch hier gelte: Höhere Kaufkraft durch mehr Verdienende anstatt steigender Lohn für immer weniger Beschäftigte. Das so temperamentvoll argumentierende Buch ist vermutlich im Spätherbst 2006 abgeschlossen worden. Seitdem spürt man einen Wirtschaftsaufschwung. Und so lesen sich manche Punkte in diesem Buch schon wieder anders. Aber das soll nicht heißen, dass man nicht immer wieder über die hier diskutierten Fragen nachdenken müsste - politisch, betriebswirtschaftlich, bei Banken und in der Wissenschaft. Ohne dass man es immer merkt, werden eingefahrene Gewohnheiten und Denktraditionen zu gefährlichen Hemmnissen; diese zu überwinden, kann Holtfrerichs anregendes Buch durchaus hilfreich sein.

DIRK KLOSE

Carl-Ludwig Holtfrerich: Wo sind die Jobs? Eine Streitschrift für mehr Arbeit. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 320 S., 19,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.06.2007, Nr. 127 / Seite 11
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