18.01.2010 · Die Vertriebenenpolitik der DDR von der Gründung bis zum Mauerfall
Nach 1945 fanden in der Ostzone zunächst die meisten der (dort euphemistisch "Umsiedler" genannten) Vertriebenen Aufnahme. Obwohl sich später viele von ihnen dem SED-Staat durch die Flucht in die Bundesrepublik entzogen, machten die Vertriebenen im Jahr 1961 immer noch gut 20 Prozent der DDR-Bevölkerung aus. Die SED dekretierte 1952/53 die endgültige "Lösung der Umsiedlerfrage"; sie strebte die vollständige Assimilation der Betroffenen und - damit verbunden - die kollektive Auslöschung der Erinnerung an Flucht und Vertreibung überhaupt an. Dennoch blieb das tabuisierte Thema unterschwellig präsent.
Auch nachdem die "Umsiedler" aus den offiziellen staatlichen Statistiken verschwunden waren, sammelte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) - wie Heike Amos jetzt überzeugend zeigt - im Auftrag der SED weiter umfassend Daten über die in der DDR lebenden Vertriebenen. Die Staatssicherheit ließ sie mittels "Geheimer Mitarbeiter" überwachen und wollte vor allem Kontakte zu den Vertriebenenverbänden in Westdeutschland, die bis zum Mauerbau 1961 noch vergleichsweise einfach geknüpft werden konnten, verhindern. Dennoch konnte die SED rudimentäre Formen der Selbstorganisation in der DDR nicht vollständig unterbinden: So sind bis Ende der sechziger Jahre nahezu jährlich stattfindende informelle Vertriebenentreffen in den Zoos von Halle und Leipzig dokumentiert.
Frau Amos geht davon aus, dass solche Zusammenkünfte noch bis in die achtziger Jahre hinein stattfanden. Trotzdem war die repressive Politik der SED letztlich erfolgreich, weil - wie das MfS Mitte der sechziger Jahre zufrieden feststellte - von derartigen Aktivitäten keine politische Gefahr für die DDR ausging. Die Vertriebenen waren endgültig marginalisiert worden. Ausführlich werden von Frau Amos auch die Beziehungen der DDR zu Polen, zur Tschechoslowakei und zur Sowjetunion vor dem Hintergrund der verbliebenen deutschen Minderheiten analysiert. Hier agierte die SED sehr vorsichtig und unterstützte die auf Assimilierung beziehungsweise Aussiedlung abzielende Politik der "Bruderstaaten". Die Autorin untersucht ferner die SED-Agitation gegen die westdeutschen Vertriebenenverbände. Derartige Kampagnen verfolgten das Ziel, die Verbände selbst und die Bundesrepublik insgesamt als "revanchistisch" und damit potentiell "faschistisch" zu brandmarken und die DDR als besseren "deutschen Friedensstaat" zu positionieren. Auf diesem Felde war die SED, so undifferenziert die Vorwürfe zumeist auch waren, langfristig insofern erfolgreich, als es ihr gelang, im Einklang mit dem sich wandelnden Zeitgeist in der Bundesrepublik zur Delegitimierung der Vertriebenenverbände und ihrer Anliegen beizutragen.
MATTHIAS STICKLER
Heike Amos: Die Vertriebenenpolitik der SED 1949-1990. Oldenbourg Verlag, München 2009. 297 S., 44,80 [Euro].