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Kurze und lange Hebel

05.03.2010 ·  Sowjetische Geheimdienste in der SBZ/DDR bis 1953

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Vier verschiedene sowjetische Geheimdienste waren auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone tätig; die Vielzahl reflektierte die unterschiedlichen Absichten und organisatorischen Zugehörigkeiten. Zum einen wollte das sowjetische Militär sich selbst schützen, betrieb also eine Absicherung gegen vermutete "Werwolf"-Partisanen, gegen Spionage und Zersetzung. Zum anderen ging es darum, aus dem besiegten Deutschland ein Maximum an Reparationen herauszupressen. Auch zur Sicherung ihrer wirtschaftlichen Interessen setzten die Sowjets geheimpolizeiliche Mittel ein. Dann wollte die Besatzungsmacht auch Deutschland entnazifizieren und die Kriegsverbrecher bestrafen, ebenfalls ein weites Aufgabenfeld für die Geheimdienste, wobei allerdings die Verfolgung von NS-Unrecht eindeutig den langfristigen politischen und wirtschaftlichen Interessen Moskaus nachgeordnet war.

Zuletzt ging es Moskau aber auch darum, möglichst bald deutsche staatliche Strukturen aufzubauen, die unter scharfer Kontrolle und Lenkung der Kommunisten stehen sollten. Dazu gehörte der Aufbau eines eigenen, wenn natürlich auch nicht selbständigen deutschen Geheimdienstes. Dabei kam es allerdings immer wieder zum Interessenkonflikt zwischen der Absicht, Vertrauen und Zustimmung für eine deutsche kommunistische Regierung zu erzeugen, und dem Ziel einer repressiven Ausbeutungspolitik. Die verschiedenen Zielsetzungen und Organisationen ließen Friktionen und Konkurrenzdenken als unvermeidlich erscheinen. Immer wieder beklagen sich die verschiedenen Dienste darüber, dass der jeweils andere sich Kompetenzen anmaße. Da berichtet Serow, Statthalter des gefürchteten Beria, seinem Chef über den Chef der "Smersch", Abakumow, und beanstandet dessen Vorgehen in ostdeutschen Städten. Je länger die Kampfhandlungen zurückliegen, je mehr sich der Schwerpunkt der sowjetischen Politik hin zur Schaffung teilstaatlicher Strukturen verlagert, umso deutlicher wird, dass letztlich der KGB am längeren Hebel sitzt.

Lange konnte man über diese Themen kaum reden, ohne als "Friedensfeind" oder "Kalter Krieger" zu gelten, und mangels Zugang zu den archivalischen Quellen wussten auch die Historiker keine gesicherten Aussagen zu bieten. Zeitweise erleichterte sich dann der Archivzugang in der Russischen Föderation, und das große Verdienst der vorliegenden Quellenedition liegt darin, diese Gelegenheit genutzt zu haben. Die wichtigsten Quellen aus den Akten des NKWD, später des MGB, des KGB und der Smersch ("Tod den Spionen!") haben Jan Foitzik und Nikita Petrow zusammengetragen und zugänglich gemacht. Inzwischen ist es in russischen Archiven nicht unüblich, auch solche Akten wieder zu Verschlusssachen zu erklären, die schon seit Jahren Benutzern vorgelegt worden waren. Eine Quellenedition ist vielleicht das geeigneteste Mittel, solchen restriktiven Bräuchen einen Riegel vorzuschieben.

246 Dokumente haben die beiden Herausgeber abgedruckt, nach allen Regeln der Editionskunst annotiert, beschrieben und kommentiert - eine Quellenedition in der besten Tradition des Instituts für Zeitgeschichte, mit einer zugleich flüssigen und informativen Einleitung von gut 60 Seiten, dazu ein Namensregister und ein Ortsregister. Die stalinistische Herrschaft des Schreckens hat sich in den Jahren 1945 bis 1953 Schritt für Schritt, gezielt und doch auch von einer Eigendynamik getrieben, über die DDR ausgebreitet. Dieser Band bietet jene Quellen an, die für eine Erforschung dieses Prozesses zentral sind.

WINFRIED HEINEMANN

Jan Foitzik/Nikita W. Petrow: Die sowjetischen Geheimdienste in der SBZ/DDR von 1945-1953. Verlag de Gruyter, Berlin 2009. 527 S., 99,95 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2010, Nr. 54 / Seite 9
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