24.08.2005 · Wie Winston Churchills sechsbändiges Meisterwerk über den Zweiten Weltkrieg entstand
David Reynolds: In Command of History. Churchill Fighting and Writing the Second World War. Verlag Allen Lane/Penguin Books, London 2004. 646 Seiten, 30,- £.
Wenn große Männer Geschichte machen und unsterblich werden wollen, schreiben sie auch Geschichte. Von den großen Staatsmännern des Zweiten Weltkriegs schaffte es nur der britische Premierminister, seine Memoiren zu verfassen. Im Augenblick seines Triumphes, während der Potsdamer Konferenz der Siegermächte, traf ihn die größte Enttäuschung seines Lebens: Sein Volk hatte ihm die Wiederwahl verweigert. Unverzüglich machte sich der "alte Löwe" ans Werk. Das Ergebnis war ein neuer, unvergleichlicher Triumph. Zwischen 1948 und 1954 publizierte er eine sechsbändige Darstellung des Zweiten Weltkriegs. Sie bestimmte für Jahrzehnte das Bild des blutigsten Krieges der Menschheit, ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung, für das Churchill den Literatur-Nobelpreis erhielt. Die weltweite Vermarktung sanierte nebenbei die Finanzen des unfreiwilligen Oppositionsführers mit adliger Herkunft.
Für den Mittsiebziger stand allerdings ein anderes Ziel im Mittelpunkt seines Strebens. Der jährliche Trommelwirbel eines neuen Bandes brachte ihn immer wieder ins Gespräch als Sieger über Hitler und genialer Staatenlenker. Anfang der fünfziger Jahre, als sich der Kalte Krieg erhitzte, erschien Churchill deshalb als möglicher Retter auch vor Stalin. Die vom Krieg erschöpften Briten wählten ihn erneut in das höchste Amt. Aus dem langen 19. Jahrhundert ragt keine andere Karriere in dieser Weise bis ins Atomzeitalter: vom Kavallerieoffizier der viktorianischen Zeit über den Ersten Lord der Admiralität und zeitweiligen Munitionsminister im Ersten Weltkrieg und seine Berufung zum Premierminister im Augenblick der größten Gefahr bis zu seiner zweiten Amtszeit, als Europa aufbrach zu Einheit und Wohlstand. Es gibt eine ausreichende Zahl von Biographien über diesen Journalisten und Vollblutpolitiker, der auch den Offizier in sich nicht verleugnete und noch heute regelmäßig genannt wird, wenn in Umfragen nach dem größten Staatsmann des 20. Jahrhunderts gefragt wird.
Als Experte für die Geschichte der internationalen Beziehungen hat sich der Cambridge-Professor David Reynolds einer anderen Seite dieses schillernden Lebens zugewandt. Er analysiert in seiner umfassenden Darstellung den Schriftsteller Churchill, der sich bereits in den zwanziger Jahren mit einem sechsbändigen Werk über den Ersten Weltkrieg und in den dreißiger Jahren mit einer Arbeit über seinen berühmtesten Vorfahren John Churchill, den ersten Herzog von Marlborough, für die höchsten politischen Weihen seines Landes empfohlen hatte. Reynolds hat sich der Mühe unterzogen, die Vielzahl erhaltener Manuskripte, Entwürfe und verschiedener Fassungen des Weltkrieg-II-Werkes durchzuarbeiten. Es ist eine Dekonstruktion von Geschichtsschreibung, die parallel auf mehreren Zeitebenen vollzogen wird - auch für den kundigen Leser eine intellektuelle Zumutung, die sich aber lohnt. Am Anfang stand das Ringen Churchills mit den Verlegern und Bürokraten, um das angestrebte Monumentalwerk organisieren zu können. Die persönlichen Unterlagen und Erinnerungen mußten durch eine Fülle von teils geheimen Akten ergänzt werden, womit sich eine Zensur durch Whitehall nicht umgehen ließ.
Natürlich konnte der schlaganfallgefährdete Kettenraucher des Jahrgangs 1874 ("no sports!") den geistigen Kraftakt nicht allein vollbringen. Zum "Syndicate" gehörten der Oxford-Professor Sir William Deakin, Lord Ismay - während des Krieges Military Secretary to the Cabinet - und der frühere Vice Chief of the Imperial General Staff, Sir Henry Pownall. Neben seinen eigenen Texten gab Churchill einzelne Entwürfe in Auftrag, redigierte und diskutierte sie ausführlich im kleinen Kreis. So entstand ein Gemeinschaftswerk, dessen geistige Urheberschaft und einheitlicher schriftstellerischer Stil sich aber von Churchill ableitete.
Reynolds' akribische Rekonstruktion folgt den einzelnen Bänden. Er zeigt die Auseinandersetzung Churchills mit der jüngsten Vergangenheit, was bei der Lektüre zeitgenössischer Quellen oft ein nachträgliches Erstaunen auslöste. Das betrifft etwa seine Fehleinschätzung der Bedeutung von Panzerverbänden bei Beginn des Zweiten Weltkriegs. Als besonders schwierig erwies sich die Verschleierung von Enigma. Seinen Entschlüsselungsexperten in Bletchley Park hatte Churchill manchen wichtigen militärischen Erfolg zu verdanken. Doch diese Fähigkeit der Briten sollte in der Zeit des Kalten Krieges nicht offenbar werden. Als drei Jahrzehnte später bekannt wurde, was sich in Churchills Memoiren hinter kryptischen Hinweisen verbarg, mußte die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nicht neu geschrieben werden. Sie wurde aber in manchen Teilen verständlicher.
In manchen Details drangen die Mitarbeiter des "Syndicate" nicht weit genug vor oder wurden von Churchills damaliger Sicht auf vermeintlich unfähige Generale beeinflußt Schuldgefühle mögen dazu geführt haben, über Niederlagen und problematische Entscheidungen hinwegzugehen, etwa beim Scheitern des Griechenland-Abenteuers von 1941 und im Falle Katyns 1943. Randbemerkungen und Gesprächsnotizen lassen nachträgliche Einsichten und Selbstzweifel durchaus erkennen. Reynolds vermittelt mit seinem Buch so auch ein dichtes Bild über eine wenig beachtete Phase in diesem ungewöhnlichen Leben, die "Zweiten Wilden Jahre", wie er es nennt, als sich Churchill die Zeit nahm, neben seiner Tätigkeit als Oppositionsführer und weltreisender Staatsmann die schriftstellerische Arbeit zu organisieren. Der Kalte Krieg zwang zu Rücksichten. Der erste Band über die dreißiger Jahre erschien während der Berlin-Blockade 1948. Das Urteil über die Appeasement-Politik seines Vorgängers fiel deshalb wohl besonders vernichtend aus. Der letzte Band wurde 1954 veröffentlicht, als Churchill - nun erneut Premierminister - auf Entspannungspolitik setzte. Auf Stalins Expansionspolitik 1944/45 fiel milderes Licht. So erschien im Rückblick der Ausbruch des Kalten Krieges als überflüssig, nebenbei natürlich auch Churchills Abwahl während der Potsdamer Konferenz als falsch.
Das Kapitel über die Atombombe war eindeutig geprägt von dem Wunsch einer Wiederbelebung der transatlantischen Nuklearallianz. Seine Darstellung mancher Partner während des Krieges - etwa Truman, Eisenhower, Tito und de Gaulle - wurde in den Memoiren modifiziert, weil er nun mit ihnen erneut verhandeln mußte. Die geringe Beachtung der Todesfabrik von Auschwitz und die wohlwollende Darstellung des Attentats vom 20. Juli 1944 waren offensichtlich als Rücksicht gegenüber den Deutschen gemeint, um deren Wiederbewaffnung in jener Zeit gerungen wurde.
Abschließend informiert Reynolds in seiner exzellenten und lesenswerten Studie über Reaktionen und zeitgenössische Kritik auf Churchills Memoiren. Das Bild des Staatsmannes muß nach dieser Fleißarbeit nicht revidiert werden; es wird um die Facette des Schriftstellers und Historikers vielmehr bereichert. Durch die aufgedeckten Schwächen und Fehler wird diese erste umfassende Gesamtdarstellung des Zweiten Weltkriegs als Spiegel ihrer Zeit deutlicher erkennbar. Ihr Verfasser gewinnt eher noch an Größe, weil die Verbindung in seinen Rollen als Journalist, Politiker, Feldherr und Historiker sichtbar gemacht wird. In dem Streben, seinem Land zu dienen, war er eitel genug, sich als Retter in der größten Not zu sehen. Er ist der eigentliche Sieger des Zweiten Weltkriegs, zu einem Kommandeur der Geschichte, geworden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als junger, rastloser Abgeordneter gab er sich mit britischem Humor überzeugt: "We are all worms. But I do believe that I am a glow-worm."
ROLF-DIETER MÜLLER