16.11.2009 · Debatten um Kriegsbilder in den britischen Streitkräften
Niemals zuvor ist in der neueren Weltgeschichte eine im Krieg siegreiche Nation derart rasant abgestiegen wie das Vereinigte Königreich nach 1945. Nicht nur der Zerfall des Empire, sondern auch die in weiten Teilen die Geschicke der Menschheit bestimmende Supermächtekonfrontation zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion versinnbildlichen den galoppierenden Bedeutungsverlust Großbritanniens. Was für London in diesem Ringen blieb, war die Rolle des amerikanischen Juniorpartners. Dass dieser Niedergang die politischen Eliten vor größte Probleme gestellt hat, liegt auf der Hand. Und doch kann aus der Rückschau festgehalten werden, dass britische Staatsklugheit diesen säkularen Prozess mit kühler Umsicht kanalisiert und damit auch abgefedert hat. Nichtsdestotrotz ist in der Geschichtswissenschaft der imperiale Abstieg mittlerweile zu einem Topos geronnen. Historiker unterbieten sich mit immer neuen Anfangsdaten dieser Verfallsgeschichte. Zuweilen kann sich der Leser des Eindrucks nicht erwehren, dass das britische Empire niemals existiert habe, obwohl es dem Gang der Weltgeschichte über weit mehr als 200 Jahre nachhaltig seinen Stempel aufgedrückt hat.
Dieser Gefahr erliegt Dierk Walter nicht. Der ausgewiesene Militärhistoriker schildert auf breiter Quellenbasis - vornehmlich zeitgenössischen Militärzeitschriften - Gedanken und Überlegungen des britischen Offizierkorps über die Kriege der Zukunft. Es ist ein Vorzug des Buches, dass Walter sich nicht ausschließlich auf die Diskursgeschichte verlässt. Er weist in seiner Einleitung darauf hin, dass Großbritannien zwischen 1945 und 1992 mehr Kriege geführt hat - immerhin 18 - als jede andere Nation auf der Welt. Kurzum: Das britische Militär ist ein nahezu idealer Untersuchungsgegenstand, da es nicht nur in zahlreichen Kriegen kämpfte, sondern auch wie kaum einen andere Streitmacht mit unterschiedlichen Anforderungen konfrontiert worden ist. Es geht dem Autor in letzter Konsequenz um die Nachzeichnung zuweilen leidenschaftlich geführter Diskussionen sowie um die Identifikation eines verbindlichen Kriegsbildes, das es nie gegeben hat, ja nicht geben konnte. Dieser Befund vermag mit Blick auf die äußerst heterogene strategische Gesamtlage Großbritanniens nicht zu überraschen.
Auch die Ergebnisse zu den "Konjunkturen einzelner Kriegsbilder", die Walter deutlich herausarbeitet, sind wenig frappierend. Dass diese Phasen sich in letzter Konsequenz weniger an britischen Spezifika orientierten, die allerdings vom Autor betont werden, sondern in erster Linie der Entwicklung des Kalten Krieges mit seinem typischen Wellenverlauf entsprechen, ist ein weiteres Resultat, das keineswegs als grundstürzend zu erachten ist. Im Grunde war die prägende Kraft der Supermächtekonfrontation so stark, dass ein spezifisches Ausscheren der britischen "Kriegsbilddebatten" aus den allgemeinen Diskussionen der "strategic community" wohl weithin als Realitätsverlust abgetan worden wäre.
Der Autor veranschlagt allerdings diese diskursgestaltende Potenz des Kalten Krieges recht gering und fokussiert seinen Erklärungsansatz auf die begrenzten Ressourcen des britischen Königreichs bei gleichzeitiger Explosion der Kosten für Rüstung und Sold. Folgerichtig bewertet er die leidenschaftlich geführten Debatten letztlich als einen "Kampf um die Deutungshoheit", um den jeweiligen Teilstreitkräften knappe Budgetmittel zu verschaffen. Gewiss argumentierte die übergroße Mehrheit der Verfasser der untersuchten Aufsätze und Denkschriften jeweils vom Standpunkt der Armee, der Luftwaffe oder der Marine, doch sollten diese Streitigkeiten zwischen den Teilstreitkräften nicht überbewertet werden. Dies zumal, da sich - wie der Autor freimütig in einer Fußnote einräumt - die budgetären Vorgaben der politischen Führung in Whitehall während des Untersuchungszeitraums kaum verändert haben: "Mit Ausnahme der Jahre 1957 bis 1963, in denen die Luftwaffe, und 1966 bis 1969, in denen die Marine knapp vor der Armee bzw. gleichauf mit ihr lag, erhielt die Armee mit 30 bis 40 Prozent stets den größten Anteil des Verteidigungsbudgets."
Wenn allerdings die Zahlen über die Jahre relativ konstant geblieben sind, dann liegt der Schluss nahe, dass die "Kriegsbilddebatten" der Streitkräfte keinen allzu großen Einfluss zum einen auf die Erwägungen der politischen Entscheidungsträger und zum anderen auf den faktischen Verlauf der britischen Außenpolitik genommen haben. Zweifelsohne wissen wir nach der Lektüre der handwerklich soliden Studie viel mehr über die konkurrierenden Kriegsbilder innerhalb der britischen Militärelite, doch bleibt die grundsätzliche Frage: So what?
HARALD BIERMANN
Dierk Walter: Zwischen Dschungelkrieg und Atombombe. Britische Visionen vom Krieg der Zukunft 1945-1971. Hamburger Edition, Hamburg 2009. 538 S., 35,- [Euro].