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Kissinger über China Rückversicherung durch Diplomatie

05.07.2011 ·  Vor vierzig Jahren war Henry Kissinger einer der amerikanischen Akteure, die das Verhältnis zu China neu ordneten. Jetzt hat er Bilanz gezogen.

Von Gregor Schöllgen
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Der Mann weiß, wovon er spricht. Henry Kissinger, Historiker und Diplomat, Friedensnobelpreisträger und elder statesman, war vor nunmehr 40 Jahren maßgeblich an der - nach eigener Einschätzung „revolutionären“ - Neugestaltung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China beteiligt. Fünfzig Mal hat er seither das Land der Mitte besucht. Jetzt zieht der bald Neunzigjährige Bilanz. Seine Betrachtungen zur neueren Geschichte Chinas gehen bis ins ausgehende 18. Jahrhundert zurück, zeigen, warum und wie das Reich der Mitte im 19. Jahrhundert „von der beherrschenden Macht seines geografischen Raums in ein Objekt konkurrierender Kolonialmächte verwandelt“ wurde. Sie schildern Pekings Rückkehr in den Kreis der großen Mächte und den Aufstieg zum gleichrangigen Partner der Weltmacht Amerika, klammern dabei allerdings die problematischen Aspekte der amerikanischen Asien- und namentlich Vietnampolitik Washingtons weitgehend aus.

Schon weil Kissingers Aufzeichnungen über seine Gespräche mit „vier Generationen führender chinesischer Politiker“ als „Primärquellen“ der Darstellung dienen, steht die Entwicklung der Volksrepublik namentlich seit 1969 im Mittelpunkt: Als Nationaler Sicherheitsberater beziehungsweise als Außenminister der Regierungen Richard M. Nixons und Gerald D. Fords war der 1923 im fränkischen Fürth geborene und 1938 vor dem nationalsozialistischen Terror in die Vereinigten Staaten geflohene Kissinger bis 1977 auf amerikanischer Seite einer der Hauptakteure. Zwar wurde die Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Amerika und China förmlich durch den - von Kissinger nach wie vor hochgeschätzten - Nixon bei dessen Peking-Besuch im Februar 1972 vollzogen. Doch hatte sein Sicherheitsberater die spektakuläre Aktion auf einer Geheimmission vorbereitet.

Kissinger war und ist ein Anhänger der Real- und der Machtpolitik, und als solcher hat er ein Faible für ihre radikalen Verfechter. Zum Beispiel für Josef Stalin. Die Art und Weise, wie der sowjetische Diktator 1950 die Weichen im Vorfeld des Koreakrieges stellte, nötigt dem Chronisten auch heute noch einige Bewunderung ab: „Listenreich und undurchschaubar wie immer . . . arrogant, weitblickend, manipulativ, umsichtig und grob schlug er einen geopolitischen Vorteil für die Sowjetunion heraus und schob das gesamte Risiko des Konflikts China zu.“ Dass Stalin am Ende - „eine Ironie der Geschichte“ - der „größte Verlierer im Koreakrieg“ war, lag weniger an seinen durchaus richtigen „strategischen Prognosen“ als vielmehr an seiner Unterschätzung Mao Tse-tungs. Ihm vor allem, aber auch seinen wichtigsten Weggefährten und Nachfolgern, errichtet Henry Kissinger mit seinem Buch ein monumentales Denkmal: „Dominant und von übermächtigem Einfluss, rücksichtslos und unnahbar, Dichter und Kriegsmann, Prophet und Geißel zugleich“, entwickelte Mao während des Koreakriegs „eine neue Dimension der Machtpolitik“, für die dem versierten Historiker und Diplomaten „kein Präzedenzfall bekannt ist“. Im geraden Gegensatz zur „traditionellen Theorie des Kräftegleichgewichts“ habe der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas nicht etwa um die Unterstützung einer der beiden „anderen Supermächte“ gebeten, sondern deren tiefen Gegensatz ausgenutzt und ihnen gleichzeitig die Stirn geboten.

Ist es im Falle Maos der nüchtern distanzierte Respekt, der Kissinger die Feder führt, so schwingt bei der Beschreibung Tschou En-lais, des wichtigsten Weggefährten Maos und langjährigen Ministerpräsidenten der Volksrepublik, unverkennbar persönliche wie politische Sympathie mit: Jedenfalls hat Kissinger während seines langen Berufslebens keine andere Persönlichkeit derart fasziniert wie Tschou En-lai: „Mao dominierte jede Versammlung, Tschou erfüllte sie mit Licht. Maos Leidenschaft suchte Gegner zu überwältigen, Tschous Intellekt war darauf aus, zu überzeugen oder auszumanövrieren, Mao war sardonisch, Tschou durchdringend . . . Mao wollte den Lauf der Geschichte beschleunigen, Tschou begnügte sich damit, ihre Ströme zu nutzen.“

Wer weiß, was aus China geworden wäre, hätte der geschmeidige, loyale, international respektierte Tschou nicht den rabiaten, kompromisslosen, vor allem im Westen lange geächteten Mao flankiert. Denn der „zerstörte das traditionelle China“ und forderte von seinem Volk einen ungeheueren Tribut, ohne sich an den Aufbau eines konkurrenzfähigen modernen Staatswesens zu machen. Das tat Deng Xiaoping, dem schon deshalb Kissingers uneingeschränkter Respekt und ganze Sympathie gehören, weil Deng seinen Überzeugungen trotz der tiefen Demütigungen während der Kulturrevolution stets treu geblieben ist.

So ist Kissinger - anders die meisten Beobachter - überzeugt, dass der Einmarsch Chinas in Vietnam, der im März 1979 nach wenigen Wochen mit dem Rückzug der Volksrepublik zu Ende ging, als taktischer Sieg Dengs gelesen werden muss. Der war zuvor in seiner Funktion als Stellvertretender Ministerpräsident in die Vereinigten Staaten gereist und hatte dort sondiert, wie sich die Regierung Carter für den Fall verhalten würde, dass China auf den Einmarsch der inzwischen mit der Sowjetunion verbündeten Sozialistischen Republik Vietnam in das Kambodscha der Roten Khmer mit einem Feldzug gegen seinen südlichen Nachbarn Vietnam reagieren werde. Kissinger hat keinen Zweifel, dass es Deng 1979 darum ging, die Fähigkeit beziehungsweise Entschlossenheit Moskaus zu einer Intervention zu testen: „Wenn die Sowjetunion nicht reagierte, dann entlarvte dies ihre begrenzte strategische Reichweite. Die chinesische Invasion in Vietnam kann also durchaus als Wendepunkt im Kalten Krieg betrachtet werden“, und der nach dem französischen und dem amerikanischen „dritte Vietnamkrieg“ markiert zugleich den „Höhepunkt“ jener „chinesisch-amerikanischen strategischen Kooperation“, aus der sich nach dem Kalten Krieg das „internationale System“ der Gegenwart mit den beiden Weltmächten Amerika und China entwickelt hat.

Dieses internationale System unserer Tage erinnert Kissinger an die Konstellationen und namentlich an die Verhärtung des deutsch-englischen Antagonismus vor dem Ersten Weltkrieg. Obgleich „historische Parallelen“ nun einmal „ihrer Natur gemäß unpräzise“ sind, reizt ihn der Vergleich doch zu sehr, als dass er die Finger davon lassen könnte. Immerhin bildet das 1815 installierte und 1914 in die Brüche gegangene internationale System den Ausgangs- und Bezugspunkt seiner historisch-politischen Analysen, seit sich Kissinger vor mehr als einem halben Jahrhundert - in seiner an der Harvard-Universität entstandenen Dissertation - erstmals damit beschäftigt hat.

Ein internationales System, das sagt ihm seine wissenschaftliche wie praktische Erfahrung, „ist relativ stabil, wenn das Niveau der Rückversicherung, das von seinen Mitgliedern benötigt wird, durch Diplomatie erreicht werden kann“. Das setzt Transparenz voraus. Weil diese vor dem Ausbruch der ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts im Falle der deutschen Politik nicht gegeben war, hatten die Briten keine Wahl als „das Schlimmste anzunehmen und auf der Grundlage dieser Annahme zu handeln“.

So etwas sollte in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik „nicht passieren“, und das heißt: Die Amerikaner dürfen nicht vom schlimmsten Fall ausgehen und einen „erfolgreichen chinesischen ,Aufstieg' als unvereinbar mit der Position der USA im Pazifik und im weiteren Sinne ihrer Stellung in der Welt betrachten“. Das ist leichter gesagt als getan, aber Kissinger ist überzeugt, dass ein Volk, das vor so großen inneren Herausforderungen steht wie diese „am schnellsten alternde Gesellschaft der Welt“, sich „nicht unbedacht und schon gar nicht aufgrund eines Automatismus auf eine strategische Konfrontation oder einen Kampf um die Weltherrschaft einlassen“ wird.

Europa und namentlich Deutschland spielen in diesem Szenario, von besagtem historischen Vergleich einmal abgesehen, keine Rolle. Gleichwohl oder eben deshalb sollte man die erhellende Analyse eines zentralen Kapitels der internationalen Politik durch einen Altmeister der zeitgemäßen Diplomatiegeschichte auch hierzulande zur Kenntnis nehmen.

Henry Kissinger: China. Zwischen Tradition und Herausforderung. C. Bertelsmann Verlag, München 2011. 608 Seiten, 26 Euro.

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