Home
http://www.faz.net/-gr7-14g5v
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kaugummikauen macht nicht schlau!

26.11.2009 ·  Es ist inzwischen üblich geworden, von emotionaler, sozialer und multipler Intelligenz zu sprechen. Dem Intelligenzbegriff geht es nicht besser als dem Bildungsbegriff - der eine wird in scheinbar unterschiedlich fokussierte Intelligenzmodelle, der andere in Kompetenzen zerlegt und damit unschädlich gemacht.

Artikel Lesermeinungen (0)

Es ist inzwischen üblich geworden, von emotionaler, sozialer und multipler Intelligenz zu sprechen. Dem Intelligenzbegriff geht es nicht besser als dem Bildungsbegriff - der eine wird in scheinbar unterschiedlich fokussierte Intelligenzmodelle, der andere in Kompetenzen zerlegt und damit unschädlich gemacht. Vor allem Manager, pädagogisches Personal und Medien übernehmen diese Wendungen ungeprüft. Doch solche Theorien können weder theoretisch noch empirisch leisten, was sie vorgeben. Zu diesem Ergebnis kommt der Marburger Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie, Detlef Rost, der auch die Beratungsstelle "Brain" für Hochbegabte leitet. Sein Buch entmythologisiert so manche Intelligenztheorie und gibt einen präzisen, gut lesbaren Überblick über den augenblicklichen Forschungsstand.

In Anbetracht dessen, dass immer mehr Intelligenztests eingesetzt werden (Forschung, Militär, pädagogisch-psychologische Praxis), gilt es, Scharlatane rechtzeitig zu erkennen. Nach wie vor können Schulleistungen durch Intelligenztests besser vorhergesagt werden als durch Persönlichkeitsvariablen und motivationale Indikatoren. Der Intelligenzquotient korreliert nach Rost auch mit dem Lebenserfolg (Einkommen, Lebenszufriedenheit, sozialer Status) sowie negativ mit Schulabbruch, Arbeitslosigkeit und Armut.

Rost berichtet von einer Marburger Untersuchung von über 7000 Drittklässlern aus neun der elf westlichen Bundesländer. Unter den identifizierten Hochbegabten waren 57 Prozent Jungen und 43 Prozent Mädchen, allerdings sind die Jungen auch bei den Minderbegabten in der Mehrzahl. Wenn es überhaupt ein Merkmal gibt, das Hochbegabte verbindet, dann ist es ihre hohe Intelligenz - ganz gleich, ob es sich um mathematisch-naturwissenschaftliche, musische oder sprachliche Hochbegabte handelt. Zugleich bestätigte sich, was sich in den internationalen Vergleichsstudien widerspiegelt: Hochintelligente stammen häufiger aus höheren, bildungsaffinen Schichten. Das liege einerseits an intelligenten und entsprechend gebildeten Eltern (Intelligenz wird zu 50 bis 70 Prozent vererbt) und andererseits an der intellektuell anregenden Umgebung (Bücher, Sprachgebrauch und so weiter). Das Intelligenzniveau lässt sich, wenn überhaupt, nur in geringem Maße durch Trainingsprogramme steigern. Rost widerlegt so bekannte Ammenmärchen wie die These, Kaugummikauen mache schlau, die seinerzeit durch viele Zeitungen geisterten, auf plausible und überzeugende Weise. Kurzfristige Intelligenzsteigerung ist und bleibt eine Illusion. Erst im Alter von vier bis fünf Jahren ist eine ausreichende Positionsstabilität von Intelligenz gegeben, die einen Test sinnvoll erscheinen lässt.

oll.

Detlef H. Rost: Intelligenz. Fakten und Mythen. Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2009. 384 Seiten, 24,95 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2009, Nr. 275 / Seite 8
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen