05.04.2011 · Wer ist islamfeindlich in Deutschland? Ein Berliner Soziologe macht es sich einfach: eigentlich alle (bis auf die Muslime). Und natürlich Thilo Sarrazin.
Von Stefan LuftAchim Bühl hat sich an der „Islamfeindlichkeit“ in Deutschland abgearbeitet. Darunter versteht der Professor für Soziologie an der Beuth Hochschule der Technik Berlin „eine intentionale sowie rationale gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die sich in der Ablehnung des Islams und der Muslime durch die sogenannte Mehrheitsgesellschaft äußert“. Der Islam und die Muslime würden einerseits als Bedrohung und andererseits als „minderwertig“ dargestellt. Nach Ansicht des Autors zieht sich seit dem Mittelalter eine entsprechende Linie durch die Geschichte.
Inzwischen sei die „Islamfeindlichkeit“ in der Mitte der Gesellschaft verankert - von den beiden christlichen Kirchen über den Feminismus bis hin zu ausdrücklich linksorientierten Gruppen. Auf den ersten 120 Seiten will Bühl die historischen Ursprünge der Islamfeindlichkeit nachzeichnen. Der Autor hat fleißig gegoogelt und zahllose Internetquellen geplündert (www.wahrheitsgraben.wordpress.com oder www.marxblaetter.placerouge.org). Ihre Solidität wird häufig nicht ersichtlich, oder sie sind schlicht nicht aufzufinden.
Wenn Arbeiten des Leistungskurses Geschichte eines Karlsruher Privatgymnasiums, obskure Internetseiten oder Werke von Sigrid Hunke, Religionswissenschaftlerin mit rechtsradikalem Hintergrund, zur Grundlage einer historischen Darstellung zur mittelalterlichen Türkenfeindschaft oder der europäisch-islamischen Beziehungen gemacht werden, dann ist Dilettantismus noch eine beschönigende Bezeichnung für ein solches Vorgehen. Hinzu kommt, dass der Verfasser zwar ausführlich historische Texte auf der Basis beliebiger Internetquellen zitiert, allerdings die einschlägige und grundlegende historische und religionswissenschaftliche Literatur (von wenigen Ausnahmen abgesehen) großzügig ignoriert. Auch ein gesinnungsstarker Verlag wie der „Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung“ (VSA) sollte von seinen Autoren die Einhaltung von Mindeststandards verlangen.
Ob das negative Türken- und Islambild Martin Luthers ohne Umschweife in eine Kontinuitätslinie mit einer „Islamfeindschaft“ im beginnenden 21. Jahrhundert gestellt werden kann, wie Bühl unterstellt, ist - wegen unterschiedlicher argumentativer Ansätze - ohnehin mehr als zweifelhaft. Der Protestantismus sei jedenfalls, so Bühls Schlussfolgerung, „entstehungsgeschichtlich zutiefst fremdenfeindlich geformt“. Dem Autor - das wird an zahlreichen Stellen des Buches deutlich - geht es erkennbar nicht um eine differenzierte Analyse, sondern um einen politischen Kampf.
Bei aller berechtigten Kritik an sich immer stärker verbreitenden antiislamischen Ressentiments bleibt der Verfasser eine Antwort auf die Frage schuldig, wo die Grenze zwischen legitimer und möglicherweise berechtigter Religionskritik einerseits und Religionsfeindschaft andererseits verläuft, mit der eine Zuwanderergruppe diskriminiert wird.
So kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass lange Zeit über Missstände wie Zwangsheiraten in Teilen islamisch geprägter Milieus hinweggesehen worden ist. Andererseits kann diese Kritik leicht umschlagen in Verunglimpfung der Religion und eine Diffamierung ihrer Gläubigen.
Der Autor beklagt eine Ungleichbehandlung von Christentum und Islam in Deutschland. „Während die christliche Religiosität im öffentlichen Raum in Gestalt ihrer Vertreter in Ethik- wie Rundfunkräten, in Form des staatlichen Eintreibens der Kirchensteuer sowie des sonntäglichen Glockenläutens anscheinend kein Problem darstellt, gelten diese Privilegien für den Islam nicht.“ Angesichts 51 Millionen Angehöriger der beiden großen Kirchen und zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime stellt sich allerdings die Frage, was eine Gleichstellung legitimieren könnte. Unreflektiert bleibt in diesem Zusammenhang die Frage, was denn das „Eigene“ dieser Gesellschaft sei und ob es ein Recht gibt, dieses „Eigene“ zu bewahren.
Lesenswert ist die Auseinandersetzung mit Thilo Sarrazin, dessen Sprache und den damit transportierten Inhalten. Dessen Diktum, dass „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert“ würden, ist für Bühl Beispiel einer entmenschlichenden Sprache. „Das Wort produzieren drückt an dieser Stelle zum einen den psychopathologischen Ekel des Redners vor der Sexualität der so genannten Unterschicht, verbunden mit Sexualphantasien, aus, zum anderen stellt er eine drastische Form der Entmenschlichung dar, insofern der Terminus in der Regel nur für Sachen, nicht aber für Personen benutzt wird.“ Sarrazin knüpfe an jahrhundertealte Feind-Stereotype an. Sein Ziel sei nicht „die Diskussion über Fehler und Versäumnisse der Integrationspolitik, sondern die Instrumentalisierung der Integrationsdebatte für die Revitalisierung sozialdarwinistischer Positionen.“
Achim Bühl: Islamfeindlichkeit in Deutschland. Ursprünge, Akteure, Stereotype. VSA Verlag, Hamburg 2010. 319 Seiten, 22,80 Euro.
Vielleicht...
Kurt Tergast (Kurgast)
- 05.04.2011, 10:38 Uhr
@ Tergast..
Fatih_Mehmet Uenal (Jerusalem1187)
- 05.04.2011, 14:09 Uhr
Die Erfindung der Islamophobie (I)
Florian Adler (Florianadler)
- 06.04.2011, 01:11 Uhr
Die Erfindung der Islamophobie (II)
Florian Adler (Florianadler)
- 06.04.2011, 01:21 Uhr