30.11.2009 · Der Alldeutsche Theodor Reismann-Grone als Wegbereiter Hitlers
Vor 1945 haben viele für sich in Anspruch genommen, Hitler den Weg bereitet zu haben. Zu ihnen zählte mit Theodor Reismann-Grone auch ein Mann, dessen Name selbst Kennern kaum geläufig ist. Hier schafft jetzt Stefan Frech Abhilfe. Auf breitester Quellengrundlage porträtiert er eindringlich den Mitgründer des Alldeutschen Verbandes und fanatischen völkischen Agitators. Aus personengeschichtlicher Perspektive wird dabei der Transformationsprozess des rassenantisemitischen deutschen Radikalnationalismus vom Kaiserreich zum "Dritten Reich" beleuchtet - einerseits große ideologische Gemeinsamkeiten zwischen den Alldeutschen des wilhelminischen Deutschland und den Nationalsozialisten, andererseits unterschiedliche mentale Ausprägungen, bedingt durch soziale Herkunft und Generationszugehörigkeit. Das lässt sich exemplifizieren an dem führenden Vertreter des völkischen Nationalismus in Kaiserreich und Weimarer Republik, Reismann-Grone. Den adlig anmutenden Doppelnamen hat der auf dem Landgut Grone Aufgewachsene sich übrigens erst beim Eintritt ins politische Leben zugelegt.
Während die übergroße Mehrheit der Völkischen aus dem kulturprotestantisch geprägten Bürgertum kam, entstammte Grone einer katholischen Familie, einer emsländischen Industriellenfamilie. Doch schon seit der Studentenzeit wollte er von der katholischen Kirche nichts mehr wissen und bekämpfte sie, allerdings erklärte er erst 1929 seinen Kirchenaustritt. Bereits als Student in den 1880er Jahren entwickelte Grone sein rassenantisemitisch-radikalnationalistisches Weltbild, an dem er sein Leben lang festhielt. Sein Judenhass und Antisemitismus wies paranoide Züge auf. Hinter jeder Bedrohung sah er die Juden, für alle Missstände machte er sie verantwortlich. Für ebenso gefährlich hielt er die "getarnten Juden", das waren alle, die vielleicht Juden sein könnten, oder Menschen, die ihm im Wege standen.
Nach Studium, Promotion mit einer historischen Dissertation und mühsamen beruflichen Anfängen betrat Groner die politische Bühne, als er 1891 mit Alfred Hugenberg und einigen anderen den "Alldeutschen Verband" gründete, in dem sich die radikalen völkischen Nationalisten sammelten und der als Speerspitze einer neuen Opposition von rechts gegen das politische Establishment des wilhelminischen Deutschland agierte. Der entscheidende berufliche Aufstieg gelang Reismann-Grone 1894 mit der Übernahme der Chefredaktion der "Rheinisch-Westfälischen Zeitung". Er baute das in Essen erscheinende Blatt in der folgenden Zeit zum Sprachrohr der Alldeutschen aus, wurde 1903 auch Besitzer des Verlags und kaufte 1913 die angesehene Berliner Zeitung "Die Post" hinzu. Damit verfügte er über effiziente Instrumente zur Bearbeitung der öffentlichen Meinung, zur Propagierung seiner radikalnationalistischen und antisemitischen Vorstellungen: für Aufrüstung, Flottenbau und das größere Deutschland, gegen Briten, Sozialdemokraten, Polen, "Ultramontane" und Juden, nach 1918 hemmungslose Agitation gegen die angeblich "jüdisch-katholisch-sozialistische Dominanz", für Dolchstoßlegende, "Heimholung" der verlorenen Gebiete, Brandmarkung des Pazifismus als "Landesverrat".
Die vor allem im mittleren und oberen Wirtschaftsbürgertum gelesene "Rheinisch-Westfälische Zeitung", die 1932 die beachtliche Tagesauflage von 30 000 Exemplaren erreichte, galt in der Öffentlichkeit als publizistisches Organ des Ruhrbergbaus, aber Reismann-Grone fühlte sich mehr als völkischer Agitator denn als Interessenvertreter der Ruhrindustrie. Daraus entstanden Konflikte, als das Blatt, das sich seit 1926 in finanziellen Schwierigkeiten befand, vom Bergbau-Verein übernommen wurde.
Reismann-Grone, der seit 1930 in Kontakt zu Hitler stand, hätte die "Rheinisch-Westfälische Zeitung" gerne auf einen klaren nationalsozialistischen Kurs gesteuert, aber er stieß bei den im Aufsichtsrat vertretenen Ruhrindustriellen auf Widerstand; im September 1932 trat er als Geschäftsführer zurück. Inzwischen NSDAP-Mitglied, glaubte er, Hitler beraten und beeinflussen zu können - eine gewaltige Selbsttäuschung! Seine Bemühungen, ein Mandat zu ergattern, scheiterten kläglich. Immerhin war er der einzige führende Alldeutsche, der nach dem 30. Januar 1933 für längere Zeit ein politisches Amt bekleidete: Im April 1933 wurde der Siebzigjährige zum Essener Oberbürgermeister ernannt. Damit erhielt er die Möglichkeit, sich an seinen langjährigen Gegnern zu rächen, Juden, Marxisten, Ultramontane. Rigoros "säuberte" er die Stadtverwaltung und hatte dabei vor allem auch die Kulturinstitutionen im Visier.
Nach der Absetzung des Direktors des Folkwang-Museums vermerkte er stolz in seinem Tagebuch, nun sei der "letzte bolschewistische Kunsttempel ausgeräuchert". Wegen einer Steuerhinterziehungsaffäre war er 1937 zum Rücktritt vom Amt des Oberbürgermeisters gezwungen und zog sich verbittert ins Privatleben zurück. Aber seine Verehrung für Hitler - in seinen Augen ein "Werkzeug Gottes" - blieb ungebrochen. Ungebrochen blieb auch sein Judenhass. Über die Nürnberger Gesetze jubelte er: "Die Schmach hat ein Ende." Die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 waren für ihn "jüdisch Infizierte". Dieser Mann war unbelehrbar bis zu seinem Lebensende. Stefan Frech nennt ihn einmal einen "geistigen Brandstifter". Diese Charakterisierung trifft ins Schwarze.
EBERHARD KOLB
Stefan Frech: Wegbereiter Hitlers? Theodor Reismann-Grone. Ein völkischer Nationalist (1863-1949). Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2009. 461 S., 58,- [Euro].