20.08.2008 · Zur Lage der Kinder in Deutschland und anderswo
Das Deutsche Komitee des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef), das zuletzt mit einem internen Streit über Provisionzahlungen für professionelle Spendenwerber Schlagzeilen machte, hat sich mit dem Buch zur "Lage der Kinder in Deutschland" in der inhaltlichen Debatte zurückgemeldet. Es ist die Weiterentwicklung einer Studie, mit der das Unicef-Forschungszentrum Innocenti in Florenz 2007 Neuland betrat. Erstmals untersuchte es nicht die Lage von Kindern in Entwicklungsländern, sondern das Wohlbefinden des Nachwuchses in Industriestaaten. Es gab dabei keinen klaren Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskraft eines Landes, also dem Bruttosozialprodukt pro Kopf, und der Lage der Kinder. Andersherum ausgedrückt: Kindern in reicheren Ländern geht es nicht zwangsläufig besser als in etwas ärmeren.
In sechs Dimensionen teilt die Studie das kindliche Wohlbefinden auf: die materielle Lage, Gesundheit, Bildung und Betreuung, die Chancen von Einwandererkindern, Beziehungen zu Eltern und Freunden und die subjektive Einschätzung ihrer Lage. Koordinator des deutschen Berichts ist der Familiensoziologe Hans Bertram, der auch Familienministerin von der Leyen (CDU) berät. Die Essenz des Bandes ist ernüchternd: In keiner der sechs Dimensionen liegt Deutschland in den oberen Rängen, sondern im internationalen Vergleich durchschnittlich auf Platz elf von 21.
Selten so deutlich ausgesprochen wurde die Erkenntnis, dass die materielle Lage von Kindern zu einem großen Teil von der Familienkonstellation abhängt: 35 bis 40 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden wachsen demnach in relativer Armut auf. In intakten Familien sind dies nur fünf Prozent. Und: Der beste Schutz vor Kinderarmut ist die durchgehende Vollzeiterwerbstätigkeit zumindest eines Elternteils. Die Studie mahnt auch, der Gesundheitsförderung von Kindern mehr Bedeutung zuzumessen - und Ausgaben hierfür nicht als Belastungen für die Versichertengemeinschaft, sondern als Zukunftsinvestitionen anzusehen. Ein heute geborenes Kind werde mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent 100 Jahre alt. Doch nur gesunde Kinder könnten diese steigende Lebenserwartung auch als Gewinn betrachten. Während akute körperliche Erkrankungen zurückgingen, nehme die Zahl chronischer Erkrankungen wie Asthma und Neurodermitis sowie psychischer Störungen zu. Besorgnis muss erregen, dass in keinem anderen Industrieland so viele Elf- bis Siebzehnjährige (20,5 Prozent) rauchen wie in Deutschland.
Bereits heute besteht ein Viertel der Bevölkerung unter 25 Jahren aus Einwandererkindern; in manchen Großstädten liegt der Anteil der unter Fünfjährigen bei mehr als 60 Prozent. Zu viele (17 Prozent) von ihnen verließen bisher die Schule ohne Hauptschulabschluss. Der Bericht spricht von einer "systematischen Benachteiligung" von Einwandererkindern im Bildungssystem. Es müsse nach besonderen Risiken im Ausbildungsverlauf geforscht werden, fordern die Autoren.
Dass Deutschland beim subjektiven Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen mit Platz neun von 21 den besten Rang unter allen Dimensionen erreicht, mag daran liegen, dass die Beziehungen zu Gleichaltrigen überwiegend als gut erlebt werden. Nicht weniger als jedes dritte Kind gibt an, die Schule "sehr zu mögen".
UTA RASCHE
Hans Bertram (Herausgeber): Mittelmaß für Kinder. Der Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland. C. H. Beck Verlag, München 2008. 304 S., 12,95 [Euro].