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Im Dickicht der Stämme

05.03.2010 ·  Ein altes Reisebuch beschreibt die Aktualität der jemenitischen Verhältnisse

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Auch nach der Vereinbarung einer Waffenruhe zwischen den nordjemenitischen Al-Houthi-Rebellen und der Zentralregierung in Sanaa bleibt der Jemen ein Schauplatz, der beunruhigt. Wie lange wird die Vereinbarung halten? Und wird es dem Regime von Präsident Ali Abdallah Salih nach den neuerlichen, teilweise heftigen Demonstrationen für eine Sezession des Südjemens gelingen, das von Stammesinteressen, religiösen, wirtschaftlichen und politischen Spannungen zerrissene Land zusammenzuhalten und auch Al Qaida in ihre Schranken zu weisen?

Schon immer hat der Jemen Forscher, Schriftsteller und andere Neugierige angelockt, in den vergangenen Jahren auch immer wieder Touristen, denen es teilweise übel erging. Im Jahre 1965 veröffentlichte Harald Vocke sein Reisewerk "Das Schwert und die Sterne. Ein Ritt durch den Jemen". Das Schwert Alis auf dem feuerroten Umschlag des Buches stand für die religiöse Ausrichtung der zaiditischen (fünferschiitischen) Jemeniten, Anhänger des 1962 gestürzten Imams, die fünf Sterne sollten die "fünf Pfeiler" des Islams symbolisieren.

Die neuerliche Lektüre dieses längst vergriffenen, nur noch antiquarisch oder über Ausleihe zu erhaltenen Buches erhellt - trotz aller Veränderungen und Modernisierungen, die auch den Jemen erfasst haben - gerade auch die heutigen aktuellen Verhältnisse des Landes. Noch immer ist der Jemen nämlich eine Stammesgesellschaft traditioneller Prägung, bestimmen häufig archaische Sitten und Gebräuche die Mentalität, Denk- und Verhaltensweise der Menschen; im Norden allerdings stärker als im Süden. Was Vocke über die Angehörigen der (konservativen) Stämme schreibt, denen er begegnete, sagt in wenigen Worten mehr aus als manche abstrakte Analyse. Schon damals war der Jemen auch "innerlich" geteilt.

Harald Vocke (1927 bis 2007), in Berlin aufgewachsen, wo er am Ernst Moritz Arndt-Gymnasium zusammen mit dem deutschen, aus dem iranischen Kaiserhaus stammenden Lyriker Cyrus Atabay die Schulbank drückte, war bis 1963 im diplomatischen Dienst - auf Posten in Damaskus, Kairo und Kuala Lumpur. Dann trat er in die politische Redaktion dieser Zeitung ein, der er bis 1980 angehörte, von 1964 bis 1969 als Nahost-Korrespondent in Beirut.

Als Vocke von Nadschran in Saudi-Arabien aus in den Jemen kam, war das Land vom Bürgerkrieg zerrissen. Die royalistischen Stämme, Anhänger des Herrscherhauses der zaiditischen Imame, die seit Jahrhunderten über die einstige Arabia felix der wohl legendären "Königin von Saba" geherrscht hatten, hatten den Dschihad proklamiert, den "heiligen Krieg" gegen die republikanischen Revolutionäre Sallals, die von den Ägyptern unter Gamal Abdal Nasser massiv militärisch unterstützt wurden. Das konservativ-wahhabitische Saudi-Arabien half hingegen den Royalisten. Nassers Flugzeuge warfen Bomben auf die wehrlosen Dörfer der Royalisten; unter den Stämmen des Nordens war der ägyptische Führer der am meisten gehasste Mann.

Vocke durchstreifte das Kampfgebiet auf Maultieren und Kamelen, begleitet von einheimischen Männern, die dem gestürzten Imam - schon um der Religion willen - ergeben waren. Er durchquerte die Wüste von al Dschauf im Nordosten des Jemens, den westlichen Rand der Rub al Chali, des "Leeren Viertels", und gelangte über das zentrale Hochland, an Marib vorbei, in den Süden. Unprätentiös beschreibt der Autor, der wie die Einheimischen lebte, die zahllosen Strapazen dieser keineswegs ungefährlichen Reise. Die Ägypter hatten ein Kopfgeld auf den "sahhafi", den Journalisten, ausgesetzt, der Zeuge ihrer Brutalität wurde. Drei Jahre später wurde der deutsche Fernsehkorrespondent Walter Mechtel in Aden erschossen, weil er über den Einsatz von Giftgas berichtet hatte. Die begleitende Lektüre der "Imitatio Christi" des Thomas a Kempis verlieh dem deutschen Beobachter, der in jemenitischer Tracht reiste, die innere Stärke, um seine Todesfurcht zu überwinden.

Vocke machte kein Hehl aus seiner Sympathie für die Royalisten, doch beschränkte er sich ansonsten in seinem Buch auf die Wiedergabe dessen, was er sah und durch "Mitleben" erfuhr. Er wertete nur selten. Sprachlich gelangen ihm glänzende Passagen von Landschaftsschilderungen, etwa wenn er schreibt: "Schwarzgrau und violett, seltsam mineralisch, glänzten dunkle Kiesschichten an der Bergflanke zu unserer Rechten . . . Kein Strauch, kein frisches Grün weit und breit, eine tote, leblose Welt blaudunkler Schatten." Da wird der journalistische Text bisweilen zu Literatur. Wäre Vocke ein Engländer gewesen, gälte sein Jemen-Buch längst als Klassiker der Reiseliteratur. Mit Werken wie Wilfred Thesigers "Arabian Sands" ("Die Brunnen der Wüste") oder Freya Starks "The Southern Gates of Arabia" ("Die Südtore Arabiens") kann Vockes Buch es jederzeit aufnehmen. Aber leider war er kein Engländer.

WOLFGANG GÜNTER LERCH

Harald Vocke: Das Schwert und die Sterne. Ein Ritt durch den Jemen, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1965, 258 Seiten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2010, Nr. 54 / Seite 10
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