Von militärischen Leistungen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zu sprechen ist auch heute noch politisch inkorrekt, wenn nicht sofort politisch-moralische Einschränkungen gemacht werden. Die missratene erste Hamburger Wehrmachtsausstellung hatte vor zehn Jahren eine klare Verdammnis ausgesprochen und dies mit dem plakativen Begriff des Vernichtungskrieges belegt. Ein solches Pauschalurteil wird in manchen Studien kaum noch hinterfragt. Stattdessen interessiert, wie die Angeklagten in der Nachkriegszeit ihre Schuld verdrängt und geleugnet haben. Im Mittelpunkt stehen die Geschichte der frühen Bundesrepublik und ihr Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, wobei den ehemaligen hohen Militärs ein unheilvoller Einfluss zugeschrieben wird.
Die Studie von Oliver von Wrochem nimmt mit Erich von Manstein einen Soldaten ins Visier, der als der glänzendste Stratege der Wehrmacht gilt und höchstes Ansehen auch bei den Feindmächten hatte. Der Lebenslauf des ehemaligen Kadetten und typischen Vertreters der preußisch-deutschen Militärelite wird kurz gestreift. Zahlreiche vorliegende biographische Deutungen und militärhistorische Darstellungen über seine Leistungen als Heerführer im Zweiten Weltkrieg scheinen es zu rechtfertigen, die wenigen Jahres seines Ruhms auf der Basis bekannter Quellen und Ereignisse zu beschreiben. Der Autor hat deshalb geglaubt, sich eine intensive Auseinandersetzung mit den militärischen Akten ersparen zu können, obwohl sich Manstein hier als Berufssoldat in seinem Selbstverständnis und Wirken am stärksten widerspiegelt. Der vom Sohn misstrauisch gehütete Nachlass des Feldmarschalls blieb ohnehin verschlossen.
Im ersten Teil stehen die politische Bewertung des Soldaten und seine tätige Mitverantwortung für die verbrecherische Kriegführung im Vordergrund. Manstein habe sich zwar bis 1938 dem Regime gegenüber zurückhaltend gezeigt und erhebliche fachliche Bedenken gegen Hitlers Kurs in den Krieg geäußert. Doch seit dem Frühjahr 1939 habe sich Manstein - nicht etwa aus Opportunismus, wie die meisten Biographen meinen - zunehmend mit bestimmten Aspekten der NS-Ideologie identifiziert. Der Autor reibt sich natürlich an Mansteins späterer Autobiographie über die "Verlorenen Siege", einem Bestseller der fünfziger Jahre, bis heute immer wieder neu aufgelegt. Darin stilisierte sich der "tragische Held" zum unpolitischen Soldaten, der weder etwas von den Verbrechen des Regimes noch den Attentatsplänen des militärischen Widerstands gewusst haben will. Persönlicher Ehrgeiz und soziale Kälte eines technokratischen Befehlshabers verbanden sich mit der Verabsolutierung militärischer Wertvorstellungen, was ihn aber eben auch nicht zum gläubigen Rassekrieger prädestinierte. Ethische Erwägungen wurden militärischer Zweckmäßigkeit zweifellos nachgeordnet. Im Ostfeldzug ab 1941 habe die situative "Dynamik der sich radikalisierenden Kriegführung" Manstein dazu veranlasst, den Weltanschauungskrieg als Teil des militärischen Kampfes zu akzeptieren. In seiner Kriegslogik scheute er sich nicht, ideologisch motivierte Vernichtungspraktiken anzuwenden.
Der Autor betont freilich, dass sich der Feldmarschall gleichzeitig nicht scheute, seinen Spielraum zu nutzen, um sich gegen eine unterschiedslos repressive Besatzungspolitik mit ihren Umsiedlungsplänen zu wenden, die den Interessen seiner Armee erkennbar zuwiderlief. Obwohl Manstein wegen seiner überragenden militärischen Talente von Hitler geschätzt wurde, begegneten ihm führende Nationalsozialisten mit Misstrauen und Ablehnung. Dem "Führer" erwuchs 1943/44 ein loyaler Gegenspieler, dem viele zutrauten, das Blatt im Osten militärisch wenden zu können. Manstein blieb trotz wankender Fronten überzeugt, dass "bei vernünftiger Führung" noch "ein Unentschieden" zu erkämpfen wäre. Auch deshalb verweigerte er sich dem Werben seiner Kameraden des militärischen Widerstands, wiewohl er einen Staatsstreich ohnehin grundsätzlich ablehnte. Dem Drängen Himmlers und Goebbels folgend, entließ ihn Hitler am 30. März 1944.
Ausführlich beschreibt der Autor das Auftreten des Ex-Marschalls während der Nürnberger Prozesse. In seinem eigenen Verfahren erhielt er trotz Unterstützung von britischen Militärexperten eine hohe Gefängnisstrafe, die aber nur zu kurzer Haft führte. Es sei Manstein gelungen, sich als "Ikone für die vermeintlich pauschal gedemütigte Wehrmacht" zu installieren. Ein umfangreicher Schriftwechsel dokumentiert seine Schlüsselrolle in einem Netzwerk der ehemaligen Wehrmachtelite, das eine breite politische und gesellschaftliche Unterstützung gefunden habe. Es kämpfte einerseits für die soziale Integration der früheren Berufssoldaten und die Rückkehr in eine bürgerliche Existenz. Andererseits bemühte er sich erfolgreich um die Freilassung der verurteilten Militärs und um die Konstruktion eines Geschichtsbildes, in dem die Wehrmacht nicht länger mit dem Vernichtungskrieg identifiziert wurde.
Dass sich ehemalige Generale nach einem Krieg aktiv an seiner Ausdeutung und an der politischen Meinungsbildung beteiligen, ist an sich nicht ungewöhnlich. Nach dem Ersten Weltkrieg hat das in Deutschland zu ganz anderen Belastungen der politischen Kultur und Geschichtsschreibung geführt, ebenso wie in anderen Ländern die Veteranen nicht immer eine positive Rolle bei der Vergangenheitsbewältigung gespielt haben. So gesehen, billigt der Autor nun Manstein eine durchaus differenzierte Rolle zu. Immerhin habe er auf seine Weise positiv an der Annäherung der ehemaligen Berufssoldaten an die neue politische Ordnung der Bundesrepublik mitgewirkt. Sein Plädoyer für die Westintegration und seine Absage an nationalistisch-neutrale Optionen lagen auf der Linie von Bundeskanzler Adenauer, der die konstruktive Haltung Mansteins zu schätzen wusste. Im Gegensatz zu Ewiggestrigen wie Albert Kesselring galt Manstein daher nicht als Nazi-General. Seine Bestellung zum militärischen Gutachter des Deutschen Bundestages - auf Vorschlag des SPD-Wehrexperten Fritz Erler - würdigte sein hohes Ansehen im In- und Ausland.
Doch das Urteil über ihn geriet ins Schwanken, und seine Haltung blieb widersprüchlich. Das galt etwa bei den Diskussionen um die Legitimität des militärischen Widerstands. Hier bemühte sich Manstein darum, den Kameradschaftskodex zu retten, wonach der Befehlsgehorsam als ebenso ehrenhaft anzusehen sei wie der aktive Widerstand. Fragwürdig blieb auch seine Selbstentlastung für das Massensterben deutscher Soldaten in Stalingrad. Seine Idealisierung des soldatischen Prinzips geriet zunehmend in den Blickpunkt medialer Kritik. Mansteins Einfluss auf die Gestaltung der Bundeswehr blieb letztlich gering. Die Innere Führung und der Primat der Politik setzten sich als demokratisches Fundament der neuen Armee durch, die ihn gleichwohl noch bei seiner Beisetzung 1973 öffentlich zu ehren wusste.
ROLF-DIETER MÜLLER
Oliver von Wrochem: Erich von Manstein: Vernichtungskrieg und Geschichtspolitik. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006. 431 S., 39,90 [Euro].
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