15.12.2008 · Peter Longerich entschlüsselt das Leben und die kometenhafte Karriere des Reichsführers SS Himmler
Berufsziel: Oberbefehlshaber. Doch das kaiserliche Deutschland verlor den Weltkrieg - und der am 7. Oktober 1900 in München geborene Gymnasiallehrersohn wurde im Dezember 1918 als Fahnenjunker aus dem Heer entlassen: "Die Tatsache, dass er weder die Front sah noch Offizier wurde, hat er als schweren Makel empfunden. Zeit seines Lebens sollte er die Sichtweise beibehalten, er sei an seiner wahren Berufung als Offizier gehindert worden." So nahm der "aktive Katholik" Heinrich Himmler, der 1919 das Zeugnis der Hochschulreife erhielt, ohne sich der Abiturprüfung unterziehen zu müssen, ein Studium der Agrarwissenschaft auf. Während eines Praktikums erkrankte er ernsthaft. Die Diagnose des behandelnden Arztes lautete "Herzerweiterung".
In der empfohlenen Ruhepause verschlang Himmler ein Dutzend Bände Jules Verne, Goethes "Faust" und Thomas Manns "Königliche Hoheit", aber auch Werke des bayerischen Volkserzählers Maximilian Schmidt und den 1762/63 von James Macpherson publizierten "Ossian" - eine Sammlung von Bardengesängen aus keltischer Vorzeit, die allerdings eine Fälschung, eine Dichtung des Herausgebers war. "Ob Himmler dies bei der Lektüre bewusst war, muss dahingestellt bleiben; in jedem Fall entsprach diese Art von romantischer Heldensage ganz seinem Geschmack." Darauf macht Peter Longerich, der in London lehrende deutsche Holocaust-Forscher, in einer breit und quellennah angelegten Biographie aufmerksam. Dem jungen Himmler ist ein Sechstel des Buches gewidmet. Leitmotive sind hier seine "Bindungsschwäche", sein "unstillbares Verlangen nach Zuneigung und Fürsorge", aber auch die ewige Selbststilisierung zum Soldaten. Der Student fürchtete sich vor "Mädeln" mit "starkem Naturtrieb", noch mehr vor homoerotischen Bindungen in der "männlichen Gesellschaft" des Militärs und der Freikorps. Als sich sein älterer Bruder mit einer Bankierstochter verlobte, die - Originalton Heinrich - "mit entschieden starkem eigenen Verschulden schon ihre Unschuld verloren" und sich weiterhin zu offenherzig gegenüber anderen Männern verhalten habe, bot sich Heinrich als Vermittler an, so dass es im März 1924 zur Entlobung kam. Auch danach ließ er durch einen Privatdetektiv Material über die Exverlobte sammeln, wertloser Kleinstadttratsch. Damals erreichte seine Sucht, "sich in die privaten Angelegenheiten anderer einzumischen und mit geradezu voyeuristischem Interesse intime Details aus deren Leben zu sammeln, einen vorläufigen Höhepunkt".
Er selbst schwärmte von der "hohen Frau", die sich für den einsamen, zölibatären Kämpfer aufsparen würde. Im September 1927 traf er die sieben Jahre ältere Krankenschwester Margarete Boden, die erkannte, dass Himmlers Äußeres, vor allem sein wenig markantes fliehendes Kinn, gar nicht zur Selbststilisierung passte. So schrieb sie ihrem verklemmten Heinrich am Heiligabend 1927 über ein "soldatisches" Foto: "Warum hast Du eigentlich die Hand im Gesicht? Sollte das Kinn verdeckt werden?" Im Juli 1928 wurde geheiratet, sie zog sich aus der Pflegedienstleitung in einer Privatklinik zurück, im August 1929 kam das einzige Kind - Tochter Gudrun - zur Welt. In Waldtrudering ließ sich das Paar nieder, mit Hund und (wie es sich für einen Diplom-Landwirt noch ziemte) Hühnern, Kaninchen und einem Schwein. Allerdings blieben der Kleintierhaltung die Fortschritte versagt: "Die Hühner legen gar zu schlecht", schrieb Margarete an Heinrich, der für die NSDAP viel unterwegs war.
Den ersten großen Auftritt für Hitler und die "Bewegung" hatte Himmler am kläglich gescheiterten Putschtag vom 9. November 1923 - festgehalten auf einem mittlerweile weltberühmten Foto, das ihn in München hinter einem Stacheldraht vor dem Kriegsministerium zeigt, mit der alten Reichskriegsflagge in der Hand. Anfang 1929 ernannte ihn Hitler zum "Reichsführer SS", damals 280 Männer als parteiinterne Ordnungstruppe und Personenschutz für den "Führer". Es folgte ein kometenhafter Aufstieg, insbesondere nach der Liquidierung der SA-Führung 1934: vom Staatssekretär im Reichsministerium des Innern über den Chef der Deutschen Polizei, der "Totenkopfverbände" (Wachmannschaften in den Konzentrationslagern) und der Waffen-SS bis hin zum Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums, Reichsinnenminister, Generalbevollmächtigter für die Reichsverwaltung, dann - nach dem 20. Juli 1944 - Befehlshaber des Ersatzheeres, Chef der Heeresrüstung und des "Volkssturms", Initiator von Werwolf-Gruppen und Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel.
Als Feldherr versagte er vollkommen, schwafelte dauernd von "in die Flanke stoßen" und "Operieren nach vorwärts". Anfang März 1945 war Reichspropagandaminister Goebbels - eigentlich die Stimmungskanone im Untergang - erstaunt darüber, wie "unverhältnismäßig positiv" Himmler die Lage sah. Kurz darauf ereilte den "Reichsführer SS" eine Angina, so dass er sich in ein Sanatorium begab, bis Hitler ihn am 21. März als Oberbefehlshaber abberief. Anschließend glaubte Himmler noch, Friedensfühler an die Alliierten richten zu können, von denen Hitler am 29. April - dem Tag vor dem Selbstmord - erfuhr und den getreuen Heinrich aus NSDAP und Staatsämtern ausstieß.
In sieben Teilen lässt Longerich dieses Leben Revue passieren und profitiert von seinen exzellenten Kenntnissen über die Geschichte des "Dritten Reiches". Daher ist weit mehr als eine Biographie entstanden, sondern vielmehr das facettenreiche Panorama eines Verbrecherstaates mit seiner Schurkenbande. Eigene Kapitel sind Weltanschauung und Kult, Himmlers Führungsstil, seiner Rolle als Erzieher und der SS-Familie gewidmet. Hier erfährt der Leser von Himmlers Lieblingsthema, der "Anständigkeit", im engen Kontext mit der "Sauberkeit" auf allen Gebieten, vom "Kampf" gegen Homosexualität und gegen Abtreibungen. Für ihn war wichtig, dass "unsere Männer" so oft wie möglich "mit den Mädeln zum Tanz zusammenkommen"; offen sprach er sich gegen eine Tabuisierung des Geschlechtsverkehrs vor der Ehe, gegen die Diskriminierung unehelicher Geburten aus. Hier leistete er einen bescheidenen Beitrag, weil ihn das Selbststudium der germanischen Vorzeit von der Einrichtung einer "zweiten oder Friedel-Ehe, die der gutrassige, freie Germane eingehen konnte", überzeugte. Seine Privatsekretärin Hedwig Potthast gebar ihm zwei Kinder, Helge (1942) und Nanette-Dorothea (20. Juli 1944).
Die allgemeinen Bemühungen, die SS-Männer "zu Heirat und Kindern zu animieren", fielen jedoch äußerst mager aus. 1939 wurde die Kinderzahl pro verheiratetem SS-Mann mit 1,1 beziffert; auch die "Zuchtvorstellungen" des Reichsführers blieben im Ansatz stecken: "Seine Vorstellungen über die Tugenden und Werte der SS, die er immer wieder formelhaft an seine Männer weitergab, entsprachen seinen Bemühungen, die emotionale Leere, die er im Umgang mit anderen verspürte, durch ein dichtes Netz von Verhaltensregeln zu ersetzen. Und wenn er seine Männer immer wieder zur ,Anständigkeit' ermahnte, lassen sich dahinter unschwer seine eigenen Anstrengungen erkennen, den in ihm aufkeimenden Wunsch, einmal ,unanständig' sein zu dürfen, unter Kontrolle zu halten. Seine ambivalente Einstellung zu diesem Thema kam insbesondere darin zum Ausdruck, dass er eine ,anständige' Behandlung von Feinden mehrfach explizit verbot."
Im Kriege ging es Himmler darum, allein in der Sowjetunion die Bevölkerung um dreißig Millionen Menschen zu "dezimieren", Funktionäre zu "exekutieren" et cetera. Longerich stellt zu Hitlers rassistischem Vernichtungskrieg grundsätzlich fest: "Die weit verbreitete Vorstellung, dieser Prozess sei durch einen einzelnen Befehl Hitlers zustande gekommen, wird dem wirklichen Geschehen nicht gerecht. Tatsächlich herrschte in der Führungsriege des Regimes, aber auch bei zahlreichen Spitzenfunktionären in den besetzten Gebieten zwar ein Konsens vor, die ,Judenfrage' auf eine radikale, mörderische Weise zu ,lösen', aber die Umsetzung dieses Ziels vollzog sich in einem für das Regime charakteristischen Zusammenspiel aus Vorgaben von oben und Initiativen von unten." Einzelne Formulierungen, die Himmler in Ansprachen wählte, deuten für Longerich darauf hin, "dass er die Entscheidung zur Ermordung von Frauen und Kindern tatsächlich in eigener Verantwortung getroffen hatte - im festen Vertrauen darauf, dass eine solche Vorgehensweise dem Willen der obersten Führung, dem Willen Hitlers, entsprach."
Auf 800 Seiten (plus 200 Seiten Anmerkungen und Register) präsentiert Longerich den Megaverbrecher, der über ein enormes Organisationstalent verfügte und - bis hin zur absurden Rolle als selbsternannter Friedensfühler - stets geleitet war vom "Bemühen, sich jedweden Gegebenheiten anzupassen". Nur durch Himmler war die "spezifische, hochgefährliche Verbindung unterschiedlicher Befugnisse" im "Dritten Reich" zustande gekommen. Wären diese Aufgaben als getrennte Zuständigkeitsbereiche wahrgenommen worden, "hätte die nationalsozialistische Politik ihre furchtbare Wirkung kaum in gleicher Weise entfalten können."
RAINER BLASIUS
Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. Siedler Verlag, München 2008. 1035 S., 39,95 [Euro].