26.06.2011 · Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist ein durch und durch ungewöhnlicher Politiker. Schon deshalb, weil er der erste grüne ist. Und katholisch. Und anständig.
Von Rüdiger SoldtAls Winfried Kretschmann, der erste grüne Ministerpräsident der Republik, den Amtseid sprach, trug er auf Hochglanz polierte Budapester. Die Berliner „tageszeitung“ fand das auch 26 Jahre nach der Vereidigung Joseph Fischers zum hessischen Turnschuhminister immer noch ungewöhnlich und schrieb von Kretschmanns „schwäbischen Turnschuhen“. Nun wird in Krawattenknoten und Kleidungsstil bei Politikern gelegentlich viel zu viel hineininterpretiert, bei Kretschmann können die Schuhe aber durchaus als Erkennungszeichen eines durch und durch ungewöhnlichen Politikers gesehen werden: Er war einmal Mitglied einer linken studentischen Gruppe namens „Roter Pfeil“, gehörte dem maoistischen Kommunistischen Bund Westdeutschlands an und ist nun schon seit vielen Jahren Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken. Er gehörte zu den Gründern der Grünen, war aber an so manchem Wochenende bei sich zu Hause in Laiz kurz davor, den Bettel hinzuschmeißen.
Ausgerechnet dieser Mann ist im immer noch konservativen Baden-Württemberg zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Hinter ihm steht keine breitschultrige Volkspartei, noch nicht einmal seiner eigenen Partei kann sich dieser in der Wolle schwarz gefärbte Grüne sicher sein. Das provoziert Fragen, vor allem die eine: Kann das funktionieren?
Das Journalisten-Ehepaar Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel, früherer Korrespondent der „Frankfurter Rundschau“, haben nach dem Wahlsieg von Grün-Rot innerhalb von drei Wochen ein Porträt über Winfried Kretschmann geschrieben. Beide Autoren sind bekennende Linke. Mit dem Sieg von Grünen und SPD ist für beide ein über Jahrzehnte gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. Das Buch ist deshalb an vielen Stellen zu huldvoll geraten. „Immerzu geht es bei diesem Altökologen um Werte und Prinzipien, um wichtige Stilfragen, um innovatives Wirtschaften und eine moderne Zivilgesellschaft“, schreiben die Autoren. Auch der Satz eines Stuttgarter Kommunalpolitikers, Kretschmann sei der anständigste Mensch, der je in Deutschland Regierungschef geworden sei, darf nicht fehlen.
Manchmal wäre eben eine kritischere Reflexion dessen wünschenswert, was Kretschmann will: etwa wenn es um die Haushaltspolitik geht oder seinen sehr emphatischen Begriff von der Bürgergesellschaft. „Denn nur wo Mangel herrscht, kann es Freiheit geben“ zitieren sie Kretschmann. In den Koalitionsverhandlungen hat sich die neue Landesregierung für die Haushaltskonsolidierung mehr Zeit gegeben als die alte. „Da ist sie wieder, die fast an einen Kinderglauben erinnernde, hoffende Erwartung, dass alles verstehbar und verstanden wird, wenn nur alle Gutwilligen sich Zeit nehmen und Mühe geben“, schreiben die Autoren.
Letztlich können sie die Schwächen des frisch ins Amt gewählten Ministerpräsidenten natürlich nicht vorhersagen. Andeutungen darüber, welche Probleme der 63 Jahre alte Politiker haben könnte - die schmale Mehrheit, die konservative „Tiefengrammatik“ des Landes, die Entscheidungsschwäche des bekennenden Regietheaterfans in der Villa Reitzenstein - finden sich aber in dem Porträt durchaus an einigen Stellen.
An der Verschlossenheit des Porträtierten und an mangelnden Quellen liegt es wohl, dass man in dem Buch auch nur wenig über die Kindheit und die Jugend findet. Das Internatsleben bei den Redemptortisten in Riedlingen habe zu Kretschmanns schlimmsten Erfahrungen gehört, das Lehrerelternhaus sei liberal und vom Reichtum des Kirchenjahres geprägt gewesen.
Vergleicht man dieses Buch mit anderen und unter geringerem Zeitdruck geschriebenen Politiker-Biographien, muss man den Autoren aber auch großen Respekt zollen. Wer kann schon aus dreißig Jahren Beobachtung schöpfen und in so kurzer Zeit ein solches Buch vorlegen? Noch interessanter dürfte es werden, wenn am Ende von Kretschmanns Regierungszeit bei einer Neuauflage einige Kapitel über die Regierungspraxis des ungewöhnlichen grünen Politikers hinzu kommen sollten.
Peter Henkel/Johanna Henkel-Waidhofer: Winfried Kretschmann. Das Porträt. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2011. 159 Seiten, 14,95 Euro.