Home
http://www.faz.net/-gr7-t4oh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Großes Chaos

08.07.2006 ·  Deutsche Zwangsarbeiter in der Sowjetunion

Artikel Lesermeinungen (0)

Noch nicht im allgemeinen Bewußtsein sind die zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportierten Deutschen. Michael Kroners kleines Buch benennt die Deportationen aus Jugoslawien, Bulgarien, Ungarn und Ostdeutschland - bei diesen zieht er auch die entsetzten Berichte Lew Kopelews und Alexander Solschenizyns heran -, schildert aber die aus Rumänien am ausführlichsten, weil sie dort die weitaus größte Anzahl betroffen hatten; immerhin hat Rumänien aber keine mörderischen Massenvertreibungen begangen. Ende 1944 begannen auf Verlangen der Sowjetunion Registrierungen der Deutschen, bis dann im Januar 1945 die Deportationen einsetzten: arbeitsfähige Männer von 17 bis 45 und Frauen von 18 bis 30 Jahren. Natürlich gab es kein geringes Chaos, Willkür war selbstverständlich, aber schließlich wurden in Rumänien insgesamt etwa 70 000, in Siebenbürgen allein 30 000 Menschen zusammengetrieben. Dieser Vorgang wurde eindrucksvoll in Erwin Wittstocks für die Schublade geschriebenem und postum 1998 in Bukarest erschienem Roman "Januar 45" geschildert.

Die Vereinigten Staaten und Großbritannien protestierten pflichtgemäß, auch deshalb, weil die Sowjetunion diese Aktion fälschlich als eine der alliierten Kontrollkommission ausgab, und auch die rumänische Regierung protestierte. Der rumänische Protest war schon allein deshalb eine bloße Formsache, weil rumänisches Militär und Polizei neben sowjetischem Militär und NKWD die Deportationen durchführten, aber eine Art elementares Bedürfnis, wenigstens für die Akten Stellung zu beziehen, dokumentiert er doch. Als unzutreffend weist Kroner die gelegentlich gehörte Ansicht nach, die Sowjetunion hätte generell Zwangsarbeiter eingefordert und Rumänien hätte diese Forderung nur auf die Deutschen konzentriert. Es gingen nach NKWD-Zählung 20 bis 25 Prozent zugrunde, ohne die Todesfälle beim Transport mitzurechnen, die deutschen Schätzungen liegen höher. Rußland und Deutschland lehnen jede Entschädigung ab. Rumänien gewährt zahlreiche materielle Vergünstigungen, Ministerpräsident Vacaroiu nannte die Deportationen "eine brutale Verletzung der elementarsten Menschenrechte und Völkermord", und Staatspräsident Iliescu entschuldigte sich für die rumänische Beteiligung daran.

WOLFGANG SCHULLER

Michael Kroner: Deportation von Deutschen in die Sowjetunion. Zwangsarbeiter in der sowjetischen Wirtschaft. Österreichische Landsmannschaft (Fuhrmannsgasse 18 a, A-1080 Wien), Wien 2005. 111 S., 7,40 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2006, Nr. 156 / Seite 8
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen