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Gleich und verschieden

 ·  Wege zur Anerkennung einer europäischen Identität

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Ulrich Beck/Edgar Grande: Das kosmopolitische Europa. Edition Zweite Moderne. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 420 Seiten, 18,- [Euro].

Sozialwissenschaftler wiederholen seit Jahren, was die Europäische Union alles nicht ist und was sie nicht hat. Es gebe keine europäische Identität, keine europäische Öffentlichkeit, keinen europäischen Demos und keine europäische Demokratie. Es ist der nationale Blick auf Europa, der zu dieser negativen Definition führt. Das Neue, das in Europa allmählich in der Verflechtung von Nationalität, Transnationalität und Supranationalität entsteht, wird dabei verkannt. Der Soziologe Ulrich Beck und der Politikwissenschaftler Edgar Grande plädieren für eine neue Sicht auf Europa. Das Neue, das Europa erst in Ansätzen charakterisiere und zur Maxime eines kosmopolitischen Europas werden müsse, liege in der Anerkennung von Andersheit.

Anerkennung von Andersheit bedeute, daß die anderen gleich und verschieden sind. Diese Anerkennung von Andersheit sei im Innern Europas und nach außen zu gewährleisten. Während der Universalismus von der Gleichheit der anderen ausgehe, beruhe der Kosmopolitismus auf der Würde der anderen und dem Potential von Differenz. Mit dieser neuen Sichtweise öffnen die Autoren den Blick für die gesellschaftliche Realität Europas. Es fällt den Lesern wie Schuppen von den Augen. Auf einmal wird klar, daß sich sehr wohl eine europäische Identität entwickelt, die sich von den nationalen Identitäten unterscheidet, ohne diese zu verdrängen. Es gibt auch einen europäischen Gesellschaftsraum, in dem nationale Gesellschaften, nationale Bildungssysteme und nationale Wirtschaften miteinander verknüpft sind. Es zeigt sich, daß mehr als drei Viertel der deutschen Studierenden im Ausland in europäischen Ländern studieren und damit die Bildungsmobilität als Indiz für eine horizontale Europäisierung gelten kann. In der Wirtschaft ist ein Trend zu europäischen und mehr noch zu internationalen Firmenzusammenschlüssen erkennbar.

Selbst die vielen Sprachen in Europa sind langfristig kein Hindernis für die Verflechtung der Gesellschaften, weil die Mehrsprachigkeit der Bürger zunimmt. Freilich kann es nicht allein darum gehen, das Englische als gemeinsame Sprache zu sprechen. Europa kosmopolitisch denken, hieße Mehrsprachigkeit anzustreben. "Wenn jeder Europäer - sagen wir - drei europäische Sprachen spräche, in drei Ländern Freunde hätte, hier Zuppa de Pesce, dort Tafelspitz mit Schnittlauchsoße liebte, vielleicht sogar sein Wahlrecht wahrnehmen könnte, kurz, die Andersheit der anderen Europäer wie die Luft zum Atmen benötigte - das wäre ein verinnerlichtes . . . kosmopolitisches Europa!"

Was aber bedeutet ein kosmopolitisches Europa nach außen? Die Europäische Union hat sich viel zu lang und viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Nabelschau gilt es zu beenden. Europa braucht eine "weltpolitische Stimme und Vision". Die Autoren formulieren ihre Kritik deutlich: "Die Verweigerung weltpolitischer Perspektiven und die paradoxerweise daraus folgende weltpolitische Parteinahme für den Status quo in den großen Konfliktlinien der Gegenwart und Zukunft wurzeln tief." Bei den großen Konfliktlinien gehe es zunehmend um Konflikte über die Wahrnehmung von Risiken. Als Beispiele nennen sie die Klimaveränderung und den transnationalen Terrorismus. Diese Risiken werden von Amerikanern und Europäern unterschiedlich beurteilt. Die Europäer werfen den Amerikanern Terrorismushysterie vor, und die Amerikaner sind der Meinung, die Europäer litten an einer Umwelthysterie.

Wenn Europa zu einem Akteur in der Weltrisikogesellschaft werden will, so muß auch in dieser Außenperspektive die Anerkennung der anderen als gleich und verschieden im Mittelpunkt stehen. Die anderen als gleich und verschieden zu achten heißt, die Sicht der Amerikaner zum Beispiel auf die Umwelt ebenso ernst zu nehmen wie die eigene Sicht als Europäer auf die Umwelt. Mit der Differenz zwischen den Positionen sollte dann auf kommunikative Weise umgegangen werden. Denn keine Nation kann die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und Zukunft allein bewältigen. Alle Nationen sind auf Kooperation angewiesen. "Nur wenn die EU (und die UN) mit den USA kooperieren, haben diese - und die gesamte Welt - eine Chance, eine Antwort auf die globalen Risiken zu finden."

Nachdem lange Zeit in der politischen Praxis und in der wissenschaftlichen Forschung Differenz als Problem der Europäischen Union betrachtet wurde, bringen Beck und Grande die andere Seite der Medaille ans Tageslicht. Differenz kann die Lösung sein! Das wichtige Buch sollte nicht nur von möglichst vielen Bürgern, Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern gelesen werden. Es sollte auch die sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung beflügeln.

CHRISTINE LANDFRIED

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2005, Nr. 112 / Seite 7
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