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Gewünschte Nivellierung

10.12.2009 ·  Ansiedlung in den ehemaligen Sudetengebieten während der Jahre 1945 bis 1952

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Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die böhmischen Länder die umfangreichste Bevölkerungsverschiebung ihrer Geschichte. Der gigantische Transfer von fünf Millionen Menschen umfasste zum einen die Zwangsaussiedlung der Sudetendeutschen, die Premierminister Churchill nicht in den Westzonen haben wollte, weil sie "ihre Mägen mitbringen". Zum anderen betraf er die - in der Historiographie bis heute weitgehend unberücksichtigt gebliebene - Wiederbesiedlung der Grenzgebiete durch etwa 1,7 Millionen Tschechen und Slowaken. Dieser Prozess veränderte die ethnische, kulturelle und konfessionelle Struktur der Regionen von Grund auf und nachhaltig.

Andreas Wiedemann widmet sich auf Basis der tschechischen Archivbestände dem (die Vertreibung begleitenden) Vorgang der Ansiedlung. Im Mittelpunkt seiner analytisch exzellent strukturierten und überzeugend argumentierenden Studie stehen fünf Komplexe: (1) die Leitlinien der Peuplierungspolitik, um, wie Ministerpräsident Zdenêk Fierlinger sagte, die Lösung eines "tausend Jahre auf unserem Volk lastenden Problems" zu bewerkstelligen; (2) die ökonomischen und sozialen Maßnahmen der Behörden, um die Neusiedler durch Zuteilung von Besitz sowie durch die Gewährung finanzieller Hilfen an Ort und Stelle zu verwurzeln; (3) die Konfliktlinien zwischen den einzelnen Siedlergruppen aus dem tschechischen Binnenland beziehungsweise den rund 200 000 Auslandstschechen und -slowaken mit der alteingesessenen Bevölkerung; (4) die Schaffung einer kollektiven Identität unter der bunt zusammengewürfelten Bevölkerung, wobei als ideologische Klammern nationale Parolen, Besiedlungspropaganda, antideutsche Ressentiments, aber auch der Aufbau eines Kultur- und Freizeitangebots (Bibliotheken, Wanderkinos, lokale Rundfunkstationen) dienten; schließlich wird (5) anhand der Ergebnisse der Wahlen vom Mai 1946 die Frage gestellt, inwieweit die soziale Neukonstruktion ihren Niederschlag in der politischen Orientierung der Migranten fand.

Die Besiedlung der Sudetengebiete verlief in zwei Wellen. Bereits unmittelbar nach Kriegsende 1945 kam es, parallel zur Vertreibung der Deutschen, zu einer spontanen Wanderung, als sich Hunderttausende von Tschechen in die Grenzgebiete aufmachten, um sich ihren Anteil an der Beute zu sichern, indem sie Bauernhöfe, Handwerksbetriebe, Geschäfte, Gaststätten und Wohnhäuser in "nationale Verwaltung" überführten. Der Strom dieser rund 800 000 "Goldgräber" wurde erst Ende 1945 von den Besiedlungsbehörden kanalisiert, die begannen, die Zuwanderung zu organisieren. Schon lange vor der Machtübernahme vom Februar 1948 dominierte die KSC (Kommunistische Partei der Tschechoslowakei) diesen Prozess. Sie riss die entscheidenden Posten im staatlichen Besiedlungsapparat an sich, vor allem das für die Verteilung des Bodens so wichtige Landwirtschaftsministerium sowie das für die Arbeitskräftelenkung zentrale Ministerium für Arbeit und Soziale Fürsorge, und sie schuf sich in der parteieigenen Besiedlungskommission ein Amt, das dafür sorgte, dass bis zum März 1947 bereits zwei Drittel der industriellen Kapazität der Grenzgebiete mit 61 Prozent aller in der Industrie der Tschechoslowakei Beschäftigten verstaatlicht waren. Hinzu kam die Umverteilung des Vermögens der enteigneten Deutschen an sozial schwache Gesellschaftsschichten, so dass Popularität und Gefolgschaft wuchsen, und die Verlagerung des Schwerpunkts auf Lohnarbeitskräfte, was vor allem ärmere Segmente der Gesellschaft zur Zuwanderung veranlasste, so dass die klassenpolitisch gewünschte Nivellierung großen Auftrieb erhielt. Die Vorgänge bereiteten den nach 1948 in großem Stil betriebenen kommunistischen Umbau der Gesamtgesellschaft in Form eines Experimentierfeldes vor.

Die KSC war angetreten, um - gestützt auf die Konfiszierung fremden Vermögens und mit den Werkzeugen von Bodenreform und Besitzzuteilung - den "neuen Menschen" zu schaffen. Tatsächlich band dies die große Mehrheit der Neusiedler an die KSC, wie die Wahlen vom Mai 1946 bewiesen, als die Kommunisten in den Grenzgebieten die absolute Mehrheit gewannen. Trotzdem, so kann Wiedemann zeigen, konnte von einer klassenlosen Gesellschaft keine Rede sein. Tschechische Altsiedler, besonders wenn sie in gemischtnationalen Ehen mit Deutschen lebten, wurden angefeindet und ausgegrenzt. Und ungeachtet aller Integrationsideologie erwiesen sich auch die gruppenspezifischen Differenzen unter den Neusiedlern auf ethnischem, sprachlichem und konfessionellem Feld als unüberwindliche Barriere. Tatsächlich wurde in den Grenzgebieten der Bevölkerungsstand aus der Vorkriegszeit nie wieder erreicht. Noch 1985 war er um ein Viertel niedriger als im Vergleichsjahr 1930, wenn auch die Abwanderung durch die anhaltend höhere Geburtenrate ausgeglichen werden konnte.

RAINER F. SCHMIDT

Andreas Wiedemann: "Komm mit uns das Grenzland aufbauen!". Ansiedlung und neue Strukturen in den ehemaligen Sudetengebieten 1945-1952. Klartext Verlag, Essen 2008. 482 S., 34,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2009, Nr. 287 / Seite 10
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