23.11.2009 · Entschädigung der Opfer
Während des Zweiten Weltkriegs benutzten deutsche Ärzte Konzentrationslagerhäftlinge für Humanexperimente, deren Grausamkeit an der Grenze der menschlichen Vorstellungskraft liegt. Schreckliche Verwundungen und Verstümmelungen wurden künstlich erzeugt, um die Behandlung von Kriegsverletzungen zu simulieren. Häftlinge wurden in Eiswasser und Druckkammern experimentell gequält oder auch getötet, um auf diese Weise wissenschaftliches Untersuchungs- oder Anschauungsmaterial zu erhalten. Aus dem Ozean der nationalsozialistischen Verbrechen ragt dieser Vorgang dadurch heraus, dass die Täter-Opfer-Beziehung nicht hinter der Abstraktion anonymer Tötungsanlagen oder massenhaften Mordens verschwindet. Und zudem stellt dieser Vorgang die gewöhnliche Arzt-Patient-Beziehung auf den Kopf: Der Arzt wurde vom Heiler zum Folterer.
Nach 1945 trafen die Opfer dieser Humanexperimente in der Bundesrepublik über weite Strecken auf ein Bündnis zwischen einer Ärzteschaft, die um Wiederherstellung ihrer professionellen Reputation bemüht war, und politischen Kräften, welche vor allem finanzielle Risiken im Blick hatten. Zudem kamen die Opfer zum großen Teil aus Ländern jenseits des Eisernen Vorhangs und wurden so mittelbar zu Geiseln des Kalten Krieges. Allerdings eigneten sich ihre grausamen Einzelschicksale in besonderer Weise zur medialen Skandalisierung, was ihnen zu einer Sonderrolle im Rahmen der sogenannten Wiedergutmachung verhalf. Stefanie Baumann hat sich gründlich und gut lesbar mit der langen Geschichte der Auseinandersetzung um Entschädigung und Anerkennung der Opfer medizinischer Humanexperimente auseinandergesetzt und findet dabei eine bemerkenswerte Balance zwischen Sachlichkeit und spannender Darstellung. Sie schlägt einen weiten Bogen von der Geschichte der Humanexperimente und ihrer juristischen Aufarbeitung in Nürnberg über die verschiedenen Etappen des Entschädigungsprozesses, die erst in den vergangenen Jahren einen vorläufigen Abschluss gefunden haben. Ihre Studie bündelt zentrale Probleme der Geschichte der Wiedergutmachung: die Rolle wissenschaftlicher Expertise und professionellen Selbstschutzes, die politische Ökonomie der Entschädigung vor und nach dem Kalten Krieg und schließlich die Bedeutung der medialen Aufmerksamkeitslogik.
Frau Baumann zeigt eindrucksvoll, mit welchen Mitteln die deutsche Ärzteschaft darum bemüht war, Humanexperimente in der NS-Zeit einerseits zu bagatellisieren und, soweit dies nicht möglich war, deren Urheber als fanatische Außenseiter zu diskreditieren. Durch diese Selbstanästhesierung vermied sie eine schmerzhafte Auseinandersetzung über ihre eigene Rolle im Nationalsozialismus. Auch die deutsche Gesellschaft wünschte überwiegend nicht, die wenigen Residuen scheinbar ungebrochener positiver Traditionen in Frage zu stellen, und dazu gehörten auch die "Helden in Weiß". Stefanie Baumann hätte hier vielleicht noch radikaler sein können: Denn indem sie die uns heute als empörend erscheinende medizinische Gutachterpraxis nach 1945 am späteren wissenschaftlichen Erkenntnisstand misst, hält sie an jenem wissenschaftlichen Fortschrittsoptimismus fest, dessen Ambivalenzen durch die Geschichte der Humanexperimente vorgeführt wurden. Dass die Opfer trotzdem in einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung schrittweise materielle Entschädigungen erstreiten konnten, hatte wiederum vor allem damit zu tun, dass die grausamen Einzelschicksale immer wieder von den Medien aufgegriffen wurden und so geeignet waren, das wiedergenesende Ansehen der Bundesrepublik in der internationalen Öffentlichkeit schwer zu beschädigen. Dieses Grundmuster durchzieht die gesamten Auseinandersetzungen vom ersten Kabinettsbeschluss der Bundesregierung von 1951 zugunsten notleidender "überlebender Opfer von Menschenversuchen" bis zu den Leistungen, die jüngst von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" ausbezahlt wurden. So bereisten 1958 beispielsweise 35 polnische Frauen aus dieser Gruppe die Vereinigten Staaten und wurden dort als "Ravensbrücker Versuchskaninchen" zu medialen Berühmtheiten. Aufgrund solcher Kampagnen konnten die Opfer medizinischer Humanexperimente schließlich als einzige Gruppe unter den hinter dem Eisernen Vorhang lebenden NS-Verfolgten bereits während des Kalten Krieges offiziell Entschädigungsleistungen erhalten. Gleichwohl hielt das Bundesfinanzministerium jahrzehntelang an der Praxis fest, den Kreis der anerkannten Opfer auch gegen alle Evidenz so eng als möglich zu halten.
CONSTANTIN GOSCHLER
Stefanie Michaela Baumann: Menschenversuche und Wiedergutmachung. Der lange Streit um Entschädigung und Anerkennung der Opfer nationalsozialistischer Humanexperimente. Oldenbourg Verlag, München 2009. 217 S., 24,80 [Euro].