Nein, ein Buch, das leichthin auf der im vereinten Deutschland seit einigen Jahren unübersehbaren Welle verstärkten Interesses am Thema „Flucht und Vertreibung“ daherkommt, ist das Werk von Eva und Hans Henning Hahn sicherlich nicht. Ein konjunkturgerecht rasch plazierter „Schnellschuss“ kann es schlechterdings nicht sein. Dies machen schon die äußerlichen Dimensionen deutlich: 839 Seiten mit 2935 Anmerkungen türmen sich vor dem Leser auf. Der seit 1992 in Oldenburg lehrende Osteuropahistoriker Hahn und seine Ehefrau Eva, ihrerseits Historikerin, melden sich zum Thema Flucht und Vertreibung auch keineswegs erstmalig zu Wort - im Gegenteil: Der vorliegende Band darf als Summe langjähriger Bemühungen betrachtet werden.
Unbeschadet der stupenden Masse des verarbeiteten und analysierten Materials liegt dem Buch eine einzige zentrale These zugrunde: Das heutige, in großen Teilen der Wissenschaft, vor allem aber auch in den auf ein breites Publikum zielenden Medien vermittelte Bild von Flucht und Vertreibung aus dem historischen deutschen Osten ist schief. Und zwar, weil darin neben mancherlei begrifflichen und sachlichen Unklarheiten und Unrichtigkeiten die Akzente falsch gesetzt werden. Dies beruht, so weiter, auf der langfristigen Nachwirkung von Stereotypen der nationalsozialistischen Propaganda, mehr noch auf Vorgaben in der jungen Bundesrepublik, die ein Interesse daran hatte, eine (außen-)politisch verwertbare Sichtweise auf das komplexe Migrationsgeschehen in Ost- und Ostmitteleuropa vor, während und kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu generieren.
Die Konsequenz der nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges erfolgten erinnerungspolitischen Weichenstellungen bestand nach Ansicht von Eva und Hans Henning Hahn darin, dass zum einen wesentliche Teile des Migrationsgeschehens seit 1938/39 mehr oder weniger ausgeblendet wurden. Gemeint sind damit insbesondere die - bereits eine gewaltige Dimension annehmenden - „Umsiedlungen“ deutscher Bevölkerungsteile im östlichen und südöstlichen Europa, die das „Dritte Reich“ veranlasste und nicht selten mit erheblichem Druck, wenn nicht mit Gewalt durchsetzte. Diese hätten für sehr viele Menschen den Heimatverlust mit sich gebracht, und zwar für solche, die später in der gerade gegründeten Bundesrepublik ohne weiteres unter „Flüchtlinge und Vertriebene“ und damit unter die Opfer der Roten Armee subsumiert wurden. In deren Zahl seien diejenigen hineingerechnet, die ihre Heimat im Zuge der auf Geheiß des NS-Regimes in fahrlässiger Weise durchgeführten und daher verlustreichen massiven Evakuierungen verloren hätten - also die Menschen, die „schon weg von zu Hause“ waren, bevor die Rote Armee dort eintraf.
Kurzum: Das Ausmaß der deutschen Eigenverantwortlichkeit ist nach Lesart der beiden Hahns aus politischen Gründen in einer den tatsächlichen historischen Sachverhalt verzerrenden Weise in den Hintergrund gerückt worden. Mittel dazu war in erster Linie das stark selektive Vorgehen - auch beteiligter Historiker - bei der Aufbereitung und Veröffentlichung einschlägiger Quellen. Und das solcherart konstruierte Bild der „Vertreibung im deutschen Erinnern“ sei bislang nicht korrigiert worden. Die Autoren wollen mit „Legenden“ und „Mythen“ um die Vertreibung aufräumen und „Geschichte“ an dessen Stelle setzen.
Diese Grundaussage wird mit einer gewaltigen Fülle untersuchten Materials untermauert. Tatsächlich war es das Bestreben des Autorenpaars, die einschlägigen Veröffentlichungen deutscher Provenienz seit 1945 (vor allem aus dem wissenschaftlichen Bereich) möglichst vollständig zu erfassen und zu analysieren. Davon zeugt das rund 800 Positionen umfassende Literaturverzeichnis. Die akribische Arbeitsweise der Autoren wird exemplarisch besonders an ihrer detaillierten Auseinandersetzung mit den teilweise drastisch voneinander abweichenden Zahlen der von Flucht und Vertreibung betroffenen und insbesondere der im Zusammenhang damit umgekommenen Menschen deutlich. Sie weisen nach, dass ein Zahlenwirrwarr frühzeitig entstanden und dann teilweise viel zu unkritisch weitergetragen worden ist. Vollständig und wissenschaftlich tragfähig auflösen lässt sich dieses wohl kaum - immerhin zeigen die beiden schlüssig, dass manche Zählweisen politisch motiviert und irreführend waren und sind.
Auf die Untersuchung der „Zahlenlabyrinths“ verwenden sie knapp 90 Seiten. Eine lückenlosere kritische Kompilation dürfte kaum möglich sein. Allein dies ist schon ein bemerkenswertes wissenschaftliches Verdienst.
Kritik an Theodor Schieders Dokumentation
Als beispielhaft dafür, dass in der jungen Bundesrepublik mit weitreichenden Konsequenzen erinnerungspolitische Weichen gestellt wurden, führen die Autorin und der Autor nicht zuletzt die schon kurz nach der Gründung des westdeutschen Teilstaates von dem ersten Bundesvertriebenenminister Hans Lukaschek (CDU) in Auftrag gegebene, im folgenden Jahrzehnt von einem Wissenschaftlerteam unter Leitung des Kölner Ordinarius Theodor Schieder (1908-1984) erarbeitete „Vertreibungsdokumentation“ an. Auch wenn in der jüngeren Forschung Schieder und einige andere Beteiligte wegen ihres politischen Verhaltens vor 1945 ins Visier verschärfter Kritik geraten sind, so galt doch die Dokumentation als solche im wissenschaftlichen Diskurs bislang zumeist als methodisch solide erarbeitetes und zuverlässiges Referenzwerk.
Hahn - selbst ein (später) Schüler Schieders - und seine Frau halten die Dokumentation demgegenüber rundweg für „misslungen“. Sie erscheint ihnen geradezu als Paradebeispiel für einseitige Quellenauswahl und mangelnde Einbettung in weiterreichende historische Zusammenhänge und damit Verantwortlichkeiten. Der Befund gipfelt folglich in der Feststellung, der Dokumentation fehle „der historische Kontext und damit jedweder Bezug zur Realität“.
Pointierte, um nicht zu sagen harsche Urteile dieser Art finden sich auch bezüglich anderer einschlägiger Arbeiten. Da ist etwa - um nur noch dieses eine Beispiel anzuführen - die Art und Weise, in der „Erika Steinbachs Historiker“ gewissermaßen seziert werden, einschließlich einer expliziten „Nachhilfestunde über Theresienstadt“. Der verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz wäre gewiss nicht begeistert gewesen, sich mit Heinz Nawratil und Alfred de Zayas in eine Reihe gestellt zu sehen.
Interessierte Laien werden vermutlich seltener zum vorliegenden Buch greifen, da der Umfang und der Preis einigermaßen abschreckend wirken dürften. Die „professionellen“ Historiker indessen werden sich bei gegenwärtigen und zukünftigen Debatten über die historische Einordnung von Flucht und Vertreibung und den angemessenen Umgang damit in der öffentlichen Erinnerung mit der voluminösen und breit fundierten Streitschrift der Hahns auseinandersetzen müssen.
Zu prüfen gilt es, ob auch das in jüngerer Zeit entwickelte Bild des Gesamtvorgangs der (Zwangs-)Migrationen im östlichen und südöstlichen Europa im zeitlichen Kontext des Zweiten Weltkrieges tatsächlich noch so defizitär war, wie die beiden Autoren unterstellen. Dies erscheint mit Blick auf die Fülle neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen, von denen wohl keine ernstzunehmende die nationalsozialistische Gewaltpolitik als wesentliche Voraussetzung für das folgende Migrationsgeschehen minimiert oder gar leugnet, allenfalls bedingt gerechtfertigt. Immerhin kann der Band als kritische, unbequeme Bestandsaufnahme produktive Debatten anregen - und erfüllt somit eine wesentliche Funktion im wissenschaftlichen Diskurs.
Hans Henning Hahn/Eva Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2010. 839 Seiten, 88 Euro.