Home
http://www.faz.net/-gr7-15ym6
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 12. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fern von der Front, nah am Verbrechen

29.03.2010 ·  Christian Hartmanns exzellente Studie über fünf Divisionen der Wehrmacht im Ostkrieg 1941/42

Artikel Lesermeinungen (0)

In den neunziger Jahren reagierte das Münchener Institut für Zeitgeschichte auf die umstrittene erste "Wehrmachtsausstellung" mit einem eigenen Projekt: "Wehrmacht in der NS-Diktatur". Im vierten und letzten Band der daraus entstandenen hochgelobten Publikationsreihe untersucht Christian Hartmann fünf Divisionen beim Beginn des "Unternehmens Barbarossa": die 1938 in Würzburg aufgestellte 4. Panzerdivision, die sich als Eliteverband verstand und in "der feudalisch geprägten Tradition der Kavallerie-Regimenter verhaftet" war; die 1938 aus Einheiten des österreichischen Bundesheeres in Linz zusammengestellte 45. Infanteriedivision; die 1940 auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr hastig zusammengewürfelte 296. Infanteriedivision; die aus einer Landwehrdivision in Breslau 1941 hervorgegangene 221. Sicherungsdivision, die im frontfernen Hinterland auch als Besatzungsbehörde fungierte; schließlich der 1939 in Münster gebildete Korück 80 (Abkürzung für: Kommandant des rückwärtigen Armeegebiets) als Besatzungsverband im frontnahen Hinterland. So bekommt Hartmann immerhin etwa 100 000 der über 17 Millionen Angehörigen der Wehrmacht in den Blick.

Der Autor vergleicht die Divisionen miteinander, um den Charakter des Ostkrieges 1941/42 näher zu bestimmen. In diesem Zusammenhang interessiert ihn beispielsweise "das große Feld der Auszeichnungen". Da jede Armee äußerlich die Uniformierung und Vereinheitlichung ihrer Angehörigen anstrebe, müsse bei Soldaten wiederum das Bedürfnis nach Honorierung und Kennzeichnung ihrer individuellen Leistung wachsen. In der Wehrmacht gab es praktisch keine Auszeichnungen, die nur bestimmten Dienstgraden oder Dienstgradgruppen vorbehalten waren. Theoretisch konnte jeder Soldat auch jeden Orden erhalten. Die Verleihung erforderte eine schriftliche Stellungnahme des zuständigen Vorgesetzten. Die Verleihungspraxis nimmt Hartmann unter die Lupe. Von den drei untersuchten Kampfdivisionen war die 45. Infanteriedivision die "unsozialste", weil hier die Offiziere die meisten Eisernen Kreuze erhielten. Die 4. Panzerdivision war aus Sicht ihrer Veteranen die "höchstdekorierte Division des Heeres im 2. Weltkrieg": 72 Ritterkreuze, 10 Ritterkreuze mit Eichenlaub, ein Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern sowie ein Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes.

Orden waren ein Mittel der Information, "die knappste Form des militärischen Rapports", mithin "symbolische Gratifikation" von Leistungen. Doch solche Medaillen hätten ihre Kehrseiten, weil sie "gewissermaßen auf dem Rücken der Gegner erkämpft werden". Diese fänden sich in Ordensbegründungen oft als "abstrakte Zahl: drei gegnerische Soldaten wurden überwältigt, getötet und eingebracht". Daher würden Orden militärische Tugenden wie Einsatzbereitschaft, Kameradschaft und Tapferkeit, aber auch "Gewalt, Vernichtung sowie Grenz- und Extremerfahrungen, manchmal sogar Verbrechen" dokumentieren. Dass die Zahl der Verleihungen bis 1945 kontinuierlich stieg, war "weniger Ausdruck einer Inflationierung", sondern entsprach "Länge und auch Härte des Krieges".

Eindringlich schildert Hartmann auf 150 Seiten im Kapitel "Krieg (1941/42)" Aufmarsch, Durchbruch, Bewegungskrieg und Stellungskrieg der fünf Verbände. Im Dezember 1941 verlor der Kommandeur der 4. Panzerdivision die Nerven. Vor Offizieren seines Stabes brüllte er mit Bezug auf Hitler: "Der Mann hat uns verraten, keiner von uns wird lebendig aus diesem Sauland herauskommen." Hartmann fragt in dem 300 Seiten umfassenden Kapitel "Verbrechen" danach, wie groß die Bereitschaft der gewöhnlichen Soldaten und ihrer Vorgesetzten war, "moralische und rechtliche Standards zu ignorieren". Und er will wissen, unter welchen Bedingungen es zu Kriegsverbrechen oder rassenpolitischen NS-Verbrechen kam.

Behandelt wird auch der "Kommissarbefehl", der im Mai 1942 im Operationsbereich der Wehrmacht ausgesetzt wurde. Hier falle der Unterschied zwischen Front- und Besatzungsverbänden sofort ins Auge. Im Hinterland seien "eindeutig mehr Vertreter der sowjetischen Elite umgebracht" worden. Das lasse sich nicht allein mit dem unterschiedlichen Selbstverständnis erklären, sondern damit, dass Truppen im Hinterland über mehr Zeit verfügten, um den "Kommissarbefehl" zu befolgen, und dass sich "dieses Verbrechen sehr viel leichter mit ihren übrigen Aufgaben (Stichwort: Kriegsgefangene) und ihrem Umfeld (Stichwort: Einsatzgruppen) in Übereinstimmung bringen ließ". Was die Behandlung der Kriegsgefangenen betrifft, so lasse "sich nirgends nachweisen", dass die deutsche Führung vor Beginn des Ostkrieges und während der ersten Kriegswochen einen Plan verfolgte, "dessen Ziel die systematische Ermordung aller sowjetischen Kriegsgefangenen gewesen wäre". Man könne nicht von einem "Hungerplan" sprechen. Bei dem gigantischen Verbrechen falle "weniger das Geplante wie vielmehr seine weitgehende Planlosigkeit" auf. Bis zum Frühjahr 1942 starben "etwa zwei jener drei Millionen Rotarmisten" in deutscher Gefangenschaft: "Die Geschichte des Krieges kennt nur wenige Katastrophen, die von ihrem Ausmaß und ihrem Charakter damit zu vergleichen sind."

Hartmann macht darauf aufmerksam, dass "Unterlegenheit und Verunsicherung" die Soldaten "unberechenbar" mache. Und er hebt hervor, dass jene die "meisten und übelsten Verbrechen zu verantworten hatten", die dafür am wenigsten prädestiniert schienen, weil sie noch im wilhelminischen Kaiserreich oder in der Weimarer Republik sozialisiert waren. Solchen brutalen Besatzern mit Lebenserfahrung aus der Zeit vor 1933 stellt der Autor den oft nationalsozialistisch indoktrinierten jungen Kämpfer an der Front gegenüber, der selbst zum Leidgeprüften und Leidtragenden wurde, wenn er denn eine Überlebenschance bekam von einem "seelenlosen" militärischen Apparat, der Entscheidungen fällte.

An der Front trafen die deutschen Soldaten meist auf einen wehrhaften Gegner, im Hinterland aber auf ein ziviles, zunächst wehrloses Umfeld. Wenn ein Soldat frontfern eingesetzt wurde, dann wuchs zwangsläufig "auch die Wahrscheinlichkeit seiner Beteiligung an jener brutalen ,Umgestaltung' der besetzten Gebiete, bei der die deutsche Führung von vornherein einkalkuliert hatte, dass dabei ,zig Millionen' der vor Ort lebenden Menschen umkommen würden". Sogar "besonders schlimm" hätten sich die "ausgebrannten" Einheiten der 4. Panzerdivision und der 45. Infanteriedivision aufgeführt, "wenn sie einmal ,hinten' zum Einsatz kamen, während sich wiederum die Besatzungsverbände bei ihren zeitlich befristeten Frontkommandos rasch an die dort üblichen Gepflogenheiten anpassten".

"Die praktische Umsetzung einer militärischen Besatzungspolitik nach den Mustern der NS-Ideologie", so resümiert Hartmann, habe ausgerechnet in den Händen jener Soldaten gelegen, "deren Alter, politische Sozialisation und Lebenserfahrung vermuten ließen, dass sie sich mental dafür am wenigsten eigneten". Dies sei ein weiteres Beispiel dafür, "wie leicht der Einzelne in einem solchen Fall zu instrumentalisieren ist". Für den Autor stellt die Wehrmacht "eines der extremsten Beispiele für die Möglichkeiten und Gefahren des Militärischen in der Moderne" dar. Die Gewalt komme auch heute nicht zur Ruhe, sondern suche sich "nur neue Formen und Schauplätze". Dem fesselnd geschriebenen Buch mit treffenden Zitaten, Fotos, Grafiken und einer Übersicht in Tabellenform zu "Kriegführung, militärischer Besatzungspolitik und Holocaust", die das Wüten der Einsatzgruppen einbezieht und die Entfernung zwischen dem Standort des jeweiligen Divisionskommandos und dem Einsatzort der SS- und Polizeieinheiten bestimmt, sind viele Leser zu wünschen.

RAINER BLASIUS

Christian Hartmann: Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2009. VIII und 928 S., 59,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2010, Nr. 74 / Seite 6
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen