11.10.2007 · Eine Sozialgeschichte Europas seit 1945
Hartmut Kaelble kommt das Verdienst zu, Aspekte und Phänomene der europäischen Entwicklung aus einem transnationalen, europäischen Blickwinkel zu betrachten. So untersuchte er 2001 in dem Buch "Wege zur Demokratie" die Entwicklung der Demokratie in Europa nicht als Serie nationaler Demokratisierungen und somit als singuläre Ereignisse, sondern als gemeinsame europäische Durchbrüche. Jetzt widmet er sich einem weiteren interessanten Aspekt: "Europäische Sozialgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart". Die Periode ist sinnvoll gewählt, stellt das Ende des Zweiten Weltkrieges doch für Gesamteuropa einen fundamentalen Einschnitt für die Entwicklung der Gesellschaften dar. Im Gegensatz zu anderen Darstellungen bezieht er Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa mit ein.
Kaelble will drei Fragen beantworten: Wie hat sich die "Gesellschaft Europas" - die Benutzung des Singulars ist hier Programm - verändert? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Entwicklung lassen sich ausmachen? Kann man europäische Besonderheiten im Vergleich zu Modernisierungsprozessen anderer Weltregionen feststellen? Jedes Kapitel ist durch diese drei Kategorien strukturiert. Die Zusammenhänge, die Kaelble aufdeckt, werden so zwar sehr systematisch erfasst und die Fragestellung des Autors erkennbar, allerdings wirkt diese starke Strukturierung für den "Laien-Leser" ermüdend, für den Wissenschaftler übergliedert.
Das Buch stellt für Nichthistoriker zweifelsohne eine spannende Entdeckungsreise durch Europa dar, bei der einerseits die Gemeinsamkeiten verblüffend, andererseits die Unterschiede lehrreich wirken können. Viele der behandelten Themen enthalten aktuelle Fragen der politischen und öffentlichen Debatte: nach sozialen Grundkonstellationen wie Familie, Arbeit und Werten etwa, nach sozialen Hierarchien im Sinne von sozialen Ungleichheiten oder Migration und schließlich nach dem Spannungsverhältnis zwischen Gesellschaft und Staat. Möglicherweise ist es genau diese Aktualität der Themen, die die geschichtswissenschaftliche Betrachtungsweise zum Problem werden lässt: So bergen die beschriebenen Entwicklungen - die Veränderung der Form von Familie oder das Phänomen der Säkularisierung, der Wandel des Arbeitermilieus oder die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates - für Wissenschaftler an sich nichts Neues, wenngleich der innereuropäische Vergleich durchweg interessant ist. Meist drängt es den Leser nach den jeweiligen Kapiteln jedoch weiter mit der Frage, wie denn nun dieser oder jener aufgedeckten problematischen Entwicklung begegnet werden kann oder welche Prognosen für die Zukunft formuliert werden können. Sicher: Das ist dann kein geschichtswissenschaftlicher Ansatz mehr, sondern ein politologischer oder soziologischer. Außerdem bleibt der Aspekt, welche Rolle die europäische Integration und der Einfluss der EU bei dem Wandel und der gemeinsamen beziehungsweise unterschiedlichen Entwicklung der europäischen Gesellschaften gespielt haben, unberührt.
MARIANNE KNEUER
Hartmut Kaelble: Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart. Verlag C. H. Beck, München 2007. 437 S., 34,90 [Euro].